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Wissenschaft

Archäologische Entdeckung

Warum in Peru 227 Kinder geopfert wurden

An der Nordküste von Peru haben Forscher Überreste von mehr als 200 Kindern gefunden. Der Grund für ihren Opfertod vor mehr als 500 Jahren könnte ein bekanntes Klimaphänomen gewesen sein.

AFP
Dienstag, 03.09.2019   14:19 Uhr

Das Örtchen Huanchaco in Peru macht einen idyllischen Eindruck. Ein Sandstrand lockt Besucher in die Wellen des Pazifik, auf einem langen Holzsteg lässt sich die Abendsonne genießen.

Archäologen haben allerdings ein anderes Bild von der Region nahe der Großstadt Trujillo. Seit Jahren graben sie an verschiedenen Stellen unweit des Meeres. Die Ergebnisse ihrer Arbeit deuten auf ein Drama, das sich vor mehr als 500 Jahren abspielte.

Im Laufe der vergangenen Monate hoben sie nahe Huanchaco ein Grab nach dem anderen aus. In jedem lag ein Kind, bisher entdeckten die Altertumsexperten die Überreste von 227 Kindern und Jugendlichen. Keines starb eines natürlichen Todes.

Brustkorb geöffnet, Herz herausgeschnitten

Stattdessen kamen die Kinder im Alter zwischen vier und 14 Jahren gewaltsam um. Spuren am Brustkorb deuten darauf hin, dass ihnen das Herz herausgeschnitten wurde. An den Kindern wurde ein blutiges Ritual praktiziert. Solche Menschenopfer sind aus verschiedenen Kulturen in Süd- und Mittelamerika bekannt, etwa von den Azteken, in geringerem Maße aber auch von den Mayas oder Inkas.

Aber nirgendwo gibt es einen Fundplatz, an dem so viele Kinder auf einmal geopfert wurden wie hier. Und laut dem Ausgrabungsleiter Feren Castillo könnten noch mehr gefunden werden, sie lägen praktisch überall. Der Fund dürfte einzigartig in der archäologischen Welt sein: Es ist die weltweit größte Begräbnisstätte für rituelle Kinderopfer. Zudem sind die Überreste der Menschen ausgesprochen gut erhalten. Der trockene Boden hat die kleinen Körper sehr gut konserviert, teils sind noch Reste der Kleidung erhalten, dazu bei einigen noch Haut- und Haarteile. Manche trugen silberne Ohrringe.

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Archäologie: 227 tote Kinder für die Götter

Die Toten waren Teil der Chimú-Kultur. Nahe der Ausgrabungstätte liegt die Ruinenstadt Chan Chan. Zu ihrer Blütezeit war der aus Lehmziegeln errichtete Ort einer der größten Amerikas und Hauptstadt des Chimú-Reichs. Die Chimús siedelten im 15. Jahrhundert vom heutigen Lima etwa tausend Kilometer entlang der Pazifikküste nach Norden bis zur heutigen Grenze Perus mit Ecuador. Allerdings eroberten die Inka 1475 das Reich, deshalb erlosch die Zivilisation.

Mit dem Tod der Kinder hat das aber nichts zu tun. Ihre Körper waren nicht zufällig abgelegt worden, die Gräber wurden genau positioniert - der Blick der Toten ging Richtung Meer. Warum mussten sie sterben?

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Eine Antwort könnten Forscher bereits im vergangenen Jahr gefunden haben. Ganz in der Nähe, bei der Stätte Huanchaquito-Las Llamas, hatten sie ein ähnliches Gräberfeld entdeckt - es wurde in etwa auf die gleiche Zeit datiert wie der aktuelle Fund. An dem Ort vor den Toren von Chan Chan waren ebenfalls mehr als 140 Kinder geopfert worden, zudem starben etwa 200 junge Lamas. Sie alle stammten aus verschiedenen Teilen des Chimú-Reichs, hatten chemische Analysen ergeben.

Möglicherweise hatten die Menschen damals unter klimatischen Veränderungen gelitten. Das zeigten Analysen einer speziellen Schlammschicht im Boden, die aus der Zeit der Gräber stammt. Er muss noch feucht gewesen sein, als die Toten bestattet wurden, denn im Boden sind noch heute Fußabdrücke zu erkennen.

Offenbar war die Region vor etwa 500 Jahren mit heftigen Regenfällen und Überschwemmungen konfrontiert. Der Auslöser könnte schon damals eine besonders heftige Phase des Klimaphänomens El Niño gewesen sein, glauben die Forscher. Bis heute sorgt er in der Region für Schlammlawinen, bei denen Menschen sterben.

Um die Götter zu besänftigen, haben die Priester womöglich immer wertvollere Opfer gefordert. Möglicherweise hatten erst Tiere und Erwachsene ihre Leben lassen müssen, bevor Kinder getötet wurden. Einen Einfluss auf den Regen hatte das sicher nicht.

joe

insgesamt 35 Beiträge
qbrick 03.09.2019
1. Einen Einfluss auf den Regen...
"Einen Einfluss auf den Regen hatte das sicher nicht." Ich wünsche mir mehr kulturelles Feingefühl vom Spiegel, wenn über alte indianische Zivilisationen berichtet wird. Rituale wie hier beschrieben mögen aus der [...]
"Einen Einfluss auf den Regen hatte das sicher nicht." Ich wünsche mir mehr kulturelles Feingefühl vom Spiegel, wenn über alte indianische Zivilisationen berichtet wird. Rituale wie hier beschrieben mögen aus der Sicht weißer, sich überlegen führender Kolonialisten ungewöhnlich gewirkt haben. Heutzutage jedoch sollte mit Respekt und unvoreingenommen berichtet und vor allem die "weiße Geschichtsschreibung" kritisch und vor allem mit Demut angesichts des von Europäern angerichteten millionenfachen Leids neu bewertet werden. Das geht nicht, wenn man mit den Augen der kolonialen Eroberer sieht!
eckawol 03.09.2019
2. Eine alternative Betrachtung
Um 1500 - 1550 fanden im Rahmen der spanischen Kolonialisierungen ( Anführer der Spanier Francisco Pizarro) des Inka-Reiches und die Gründung des Vizekönigreiches Perú heftige Kämpfe mit der indigenen Bevölkerung [...]
Um 1500 - 1550 fanden im Rahmen der spanischen Kolonialisierungen ( Anführer der Spanier Francisco Pizarro) des Inka-Reiches und die Gründung des Vizekönigreiches Perú heftige Kämpfe mit der indigenen Bevölkerung "INKAS" statt. Im Rahmen dessen wollten Dorfgemeinschaften der Inkas die Seelen ihrer Kinder vor den spanischen Eroberern retten und töten ihre Kinder. So lernte ich es als Schüler im Geschichtsunterricht in Argentinien.
hw7370 03.09.2019
3. Ergaenzung
Ergaenzung zu den Bildunterschriften: Bild 3) beschriftung: Die Praktiken, Herzen aus dem Koerper zu trennen waeren auch bei den Azteken bekannt. Diese Beschriftung moege mir bitte einen Hinweis geben, wo ich solch einen [...]
Ergaenzung zu den Bildunterschriften: Bild 3) beschriftung: Die Praktiken, Herzen aus dem Koerper zu trennen waeren auch bei den Azteken bekannt. Diese Beschriftung moege mir bitte einen Hinweis geben, wo ich solch einen Azteken finden darf. Ausgestorben, Vernichtet? Kurioserweise nannten sich jene, die der Westen als Azteke bezeichnet, selber aber Mexicatl, und bestand aus drei verschiedenen Gruppen, eine aus Atzlan, eine von den Chichimecen (rote Menschen oder auch Hundsmenschen) und eine unbekannte Gruppe, die wir nur dadurch kennen, weil sie eine neue Waffe mitbrachten, Pfeil und Bogen. Diese drei Gruppen vereinigten sich unter dem gemeinsamen Namen Mexicatl (der ein Held dieser Verbindung gewesen sein soll). Wir nennen uns ja auch nicht Kartoffel, nur weil es Auslaender tun. Wir sind Deutsche. Die Indios waren Mexicatl. Kinderopfer gab es nicht nur bei den inka, sondern ebenso bei den Mexicatl und Chorotega. Bild 4) Mit Blick aufs Meer. Nach dieser titelei wussten die Ureinwohner also, dass es El Nino gibt und er aus dem Westen kam; anders als heute da er aus dem Osten kommt. Peru liegt am Pazifik, im Westen also. El Nino kommt vom Atlantik, somit aus dem Osten. So schnell aendert sich also die Erdachse? Und der erloschene Blick der Kinder solle wohl den Herrn Hurracan (Herr des Zorns, nahua) besaenftigen…. Bild 5) Die Titelei steht im Widerspruch zur betitelung in Bild 4 (Blick aufs Meer) . wollten sie also "die Goetter" schlichthin besaenftigen oder El Nino, den alten Bekannten vom Atlantik (zwischen Peru und Atlantik liegt der gesamte Kontinent….), dann haette der Blick ins Landesinnere gehen muessen.
Bundestrainer 03.09.2019
4. Wilde
Für Menschen, die - aus welchen Gründen auch immer - ihre eigenen Kinder schlachteten, braucht man in der Gesamtbetrachtung genauso viel Feingefühl, dass sich sagen lässt, dass sie verdammte Wilde waren.
Zitat von qbrick"Einen Einfluss auf den Regen hatte das sicher nicht." Ich wünsche mir mehr kulturelles Feingefühl vom Spiegel, wenn über alte indianische Zivilisationen berichtet wird. Rituale wie hier beschrieben mögen aus der Sicht weißer, sich überlegen führender Kolonialisten ungewöhnlich gewirkt haben. Heutzutage jedoch sollte mit Respekt und unvoreingenommen berichtet und vor allem die "weiße Geschichtsschreibung" kritisch und vor allem mit Demut angesichts des von Europäern angerichteten millionenfachen Leids neu bewertet werden. Das geht nicht, wenn man mit den Augen der kolonialen Eroberer sieht!
Für Menschen, die - aus welchen Gründen auch immer - ihre eigenen Kinder schlachteten, braucht man in der Gesamtbetrachtung genauso viel Feingefühl, dass sich sagen lässt, dass sie verdammte Wilde waren.
neanderspezi 03.09.2019
5. Das Priesteramt war auch schon im alten Testament häufig blutrünstig
In diesen Mittel- und Südamerikanischen Kulturen wurden vor über 500 Jahren die schwerwiegenden Fehler gemacht, wegen außergewöhnlicher klimatischer Erscheinungen nicht Tiere, Erwachsene und schließlich Kinder zu opfern, [...]
In diesen Mittel- und Südamerikanischen Kulturen wurden vor über 500 Jahren die schwerwiegenden Fehler gemacht, wegen außergewöhnlicher klimatischer Erscheinungen nicht Tiere, Erwachsene und schließlich Kinder zu opfern, sondern die Priester, die gewöhnlich für die Opferungen zuständig waren. Um die Götter zu besänftigen hätte ihr religiöses Empfinden ihnen eigentlich sagen müssen, dass mit der Opferung der Priester die Götter wesentlich eindringlicher um Nachsicht hätten gebeten werden können, als mit gewöhnlichen Menschen- oder Tieropfern, da Priester ohnehin den Göttern viel näher standen und damit für die Götter einen unzweifelhaft höheren Wert darstellten, waren für sie gewöhnliche Menschen bestimmt ein viel zu geringer Wert. Zumindest zu solchen Opferungsvarianten hätten sie sich aufraffen sollen, um den womöglich besseren Erfolg im Klimatischen in Augenschein nehmen zu können. Das Problem, das sie eventuell damit gehabt hätten, wäre gewesen, Nachwuchs für die geopferten Priester zu rekrutieren.

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