Schrift:
Ansicht Home:
Wissenschaft

Umstrittene Experimente

Russischer Forscher will genmanipulierte Babys schaffen

Vor einigen Monaten brach ein chinesischer Forscher ein Tabu, als er illegal genmanipulierte Babys erzeugte. Nun kündigt ein weiterer Wissenschaftler solche Versuche an. Allerdings will er nicht ohne Genehmigung arbeiten.

DPA

Fünf Tage alter Embryo: Rechts von dem roten Strich ist der Embryo zu sehen, im unteren linken Bereich ist der werdende Mutterkuchen abgebildet

Donnerstag, 13.06.2019   16:22 Uhr

Bereits ein chinesischer Wissenschaftler hatte mit den Versuchen für Aufsehen und Proteste gesorgt, nun will auch ein Russe gentechnisch veränderte Babys erzeugen. Das berichtet das Fachmagazin "Nature".

Demnach plant der Forscher Denis Rebrikow, HIV-infizierten Frauen Embryonen einzusetzen, die er zuvor per Gentechnik vor einer Ansteckung mit dem Aids-Erreger geschützt haben will. Er wäre nach dem Chinesen He Jiankui wohl der zweite Mensch, der solch ethisch hochumstrittenen Experimente durchführt. Rebrikow möchte die Versuche noch in diesem Jahr beginnen, will allerdings - anders als sein chinesischer Kollege - eine Genehmigung der Behörden abwarten.

He Jiankui hatte im November vergangenen Jahres die Geburt von zwei genveränderten Babys bekannt gegeben, deren Erbgut er zuvor manipuliert habe. Auch er nannte den Schutz vor einer HIV-Ansteckung als Motivation für seine Versuche. International lösten die Experimente große Empörung aus. In Deutschland, den USA und vielen anderen Ländern sind derartige Manipulationen an menschlichem Erbgut verboten, weil die Risiken bisher kaum abschätzbar sind und Veränderungen an nachfolgende Generationen weitergegeben werden.

MEHR ZUM THEMA

Rebrikow, der am Nationalen Medizinischen Forschungszentrum für Geburtshilfe, Gynäkologie und Perinatalmedizin "Kulakov" in Moskau arbeitet, will wie sein Vorgänger He Jiankui das Gen namens CCR5 funktionsunfähig machen. Das von dem Gen gebildete Protein wird von den HI-Viren in den allermeisten Fällen als Eintrittspforte für eine Infektion der Zellen genutzt.

Laut "Nature" möchte Rebrikow die Behandlung Frauen anbieten, die auf eine HIV-Standard-Therapie nicht ansprechen und so ein höheres Risiko haben, die Infektion an ihre Kinder weiterzugeben.

Rebrikow behauptet, seine etwas abgewandelte Technik biete größere Vorteile und berge weniger Risiken als die von He Jiankui eingesetzte. Sie sei ethisch vertretbarer und für die Öffentlichkeit akzeptabler. Die Russische Akademie der Wissenschaften habe hingegen ethische Bedenken, wie mehrere russische Medien meldeten. Rebrikow habe nach eigenen Angaben bereits mit einem HIV-Zentrum in Moskau eine Vereinbarung getroffen, um dort mit HIV-infizierten Frauen in Kontakt zu kommen.

MEHR ZUM THEMA

Etliche Forscher beurteilten schon die Versuche des Chinesen sehr kritisch. "Die Technologie ist noch nicht so weit", sagte Jennifer Doudna, eine der Mitentwicklerinnen der Genschere Crispr/Cas 9, die beide Forscher für ihre Manipulationen benutzt haben beziehungsweise nutzen wollen. "Es ist nicht überraschend, aber es ist sehr enttäuschend und beunruhigend."

Durch solche Eingriffe bestehen etliche Risiken. So könnte die Genmanipulation auch die Gehirne der beiden Kinder in China verändert haben. Erst kürzlich kam eine Studie zu dem Ergebnis, dass auch das Sterberisiko bei genetisch veränderten Kindern höher liegen könnte. Forscher hatten errechnet, dass die Zwillinge aus China eine bis zu 21 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit haben, 76 Jahre alt zu werden.

joe/dpa

insgesamt 8 Beiträge
nach-mir-die-springflut 13.06.2019
1.
Interessant fürs Militär. Das Imperium sucht den Super-Soldaten.
Interessant fürs Militär. Das Imperium sucht den Super-Soldaten.
taglöhner 13.06.2019
2. Teures Stück
Kugelsicher wird er nicht sein.
Zitat von nach-mir-die-springflutInteressant fürs Militär. Das Imperium sucht den Super-Soldaten.
Kugelsicher wird er nicht sein.
permissiveactionlink 13.06.2019
3. Die Delta32-Deletion
des CCR5-Membranproteins tritt bei 1% der Westeuropäer homozygot auf, sprich auf beiden Autosomen des Genoms. Dadurch sind diese Personen nahezu 100%ig gegen eine Infektion ihrer CD4-T-Lymphozyten mit HI-Viren und auch durch [...]
des CCR5-Membranproteins tritt bei 1% der Westeuropäer homozygot auf, sprich auf beiden Autosomen des Genoms. Dadurch sind diese Personen nahezu 100%ig gegen eine Infektion ihrer CD4-T-Lymphozyten mit HI-Viren und auch durch andere Krankheitserreger geschützt, die das intakte CCR5-Protein als Andockpunkt beim Eindringen in menschliche Zellen nutzen. Bisher sind diese Menschen niemals neurologisch auffällig gewesen (Ein besseres Erinnerungsvermögen ? Wieso nicht ?), auch über verkürzte Lebensdauer ist nichts bekannt, und eine schnellerer Rekonvaleszenz nach Schlaganfällen wird gemeinhin wohl kaum als Makel angesehen, sondern eher als Vorteil. Hier wird also kein Homunkulus gezüchtet, oder irgendetwas einem militärisch nützlichen Supermenschen ähnliches, sondern "nur" etwas ergänzt, was zufällig ohnehin bei jedem 100. Menschen so vorhanden ist. Ethisch verwerflich ist das z.Z. nur deshalb, weil man noch nicht garanteiren kann, dass die eingesetzte Genschere noch an anderen Stellen des embryonalen Genoms Veränderungen durchführt, möglicherweise verheerende. Ein Patient in Berlin wurde durch Knochenmarkspende völlig von HIV geheilt und befreit. Seine Lymphozyten tragen nun (wie bei seinem Knochenmarkspender) homozygot die Delta-32-Deletion des CCR5-Rezeptors. Crispr-Cas war hier allerdings gar nicht involviert, und ein Eingriff in die Keimbahn erfolgte nicht. Zeugte der Berliner Patient jetzt Kinder, dann hätten diese vermutlich nicht einmal ein mutiertes CCR5-Gen, und mit noch geringerer Wahrscheinlichkeit zwei solcher mutierter Gene. Sie wären nicht gegen HIV immun.
quark2@mailinator.com 13.06.2019
4.
Meinen Dank an permissiveactionlink, immer wieder interessant. Ich fürchte, was genetische Veränderungen an Menschen angeht, wird es auf Dauer unmöglich sein, die Nulllösung zu halten. So wie wir es nicht schaffen, den [...]
Meinen Dank an permissiveactionlink, immer wieder interessant. Ich fürchte, was genetische Veränderungen an Menschen angeht, wird es auf Dauer unmöglich sein, die Nulllösung zu halten. So wie wir es nicht schaffen, den Regenwald zu retten, etc. ... alles was Geld oder Macht bringen könnte, wird irgendwann gemacht. Insofern muß man sich auch selbst mit diesen Techniken beschäftigen, denn sonst steht man nicht nur allein mit seinem Verbot da, sondern ist zusätzlich auch noch inkompetent, was das Thema im Detail angeht. Somit bleibt aus meiner Sicht nur die Flucht nach vorn, so unwohl mir dabei ist. Aber ich bin eh der Meinung, daß die Menschheit in 1..2 Jahrhunderten nur noch wenig mit uns gemeinsam hat. Man kann nur hoffen, daß es in die richtige Richtung geht.
specialsymbol 13.06.2019
5. Zum Glück macht einer weiter
Wie sollen wir sonst Wissen über das menschliche Genom erhalten wenn nicht über Versuche? Es ist zwingend notwendig den Menschen zu verbessern. Dieser Planet wird in nicht mehr allzu ferner Zukunft zu großen Teilen unbewohnbar [...]
Wie sollen wir sonst Wissen über das menschliche Genom erhalten wenn nicht über Versuche? Es ist zwingend notwendig den Menschen zu verbessern. Dieser Planet wird in nicht mehr allzu ferner Zukunft zu großen Teilen unbewohnbar werden. Der Weltraum ist aktuell zu lebensfeindlich - wir müssen insbesondere Strahlenschäden korrigieren lernen. Es muß dringend weitergeforscht werden, egal von wem. China und Russland sind die einzigen freien Länder diesbezüglich.

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Verwandte Themen

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP