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Wissenschaft

Unterwasser-Archäologie

Gefährliche Jagd nach Schätzen der Tiefe

Meeresarchäologen haben in diesem Jahr sensationelle Funde präsentiert - darunter Hitlers Flugzeugträger und eines der ersten U-Boote der Welt. Die Unterwasser-Archäologie hat ihren Boom der Technologie zu verdanken - die Pioniere mussten noch unter ständiger Lebensgefahr arbeiten.

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Montag, 04.09.2006   13:35 Uhr

Die Unterwasserarchäologie hat einen Sommer mit spektakulären Funden hinter sich. In der Ostsee wurde die "Graf Zeppelin", der einzige jemals gebaute deutsche Flugzeugträger aufgespürt. In Schweden wurde durch Zufall ein 600 Jahre altes Schiff gefunden, und in der Karibik entpuppte sich ein rostiger Stahlkasten als eines der ersten U-Boote der Geschichte. Vor Gibraltar soll der vielleicht größte Goldschatz aller Zeiten aus dem Bauch der HMS Sussex geborgen werden. In Berlin präsentierte die Ausstellung "Ägyptens versunkene Schätze" spektakuläre Funde aus der Antike.

Der Boom der Unterwasser-Archäologie wurde durch enorme technische Fortschritte verursacht. Die Pioniere der Zunft hatten es dagegen ungleich schwerer. Die Apnoetaucher der Antike - jene Furchtlosen, die unter Wasser die Luft anhielten und verlorene Fracht emporholten -wurden nach Tiefe bezahlt. Welche Tarife im Hafen von Rhodos galten, ist überliefert: Lag das geborgene Gut mehr als einen Meter tief, stand den Tauchern ein Zehntel des Wertes zu, ab vier Metern ein Drittel. Tauchten sie tiefer als 7,50 Meter, erhielten die Taucher die Hälfte des Wertes.

Es waren zunächst die Bergungsarbeiter, die halfen, in Häfen verlorengegangene Fracht oder später Kanonen von Kriegsschiffen aus dem Wasser zu ziehen. Der Einsatz, den Historiker als erste unterwasserarchäologische Expedition betrachten, fand am italienischen Nemi-See 30 Kilometer südöstlich von Rom statt.

"Das Wort 'archäologisch' muss man aber in Anführungszeichen setzen, es war erst einmal eine Schatzsuche", sagt Hanz Günter Martin von der Deutschen Gesellschaft zur Förderung der Unterwasserarchäologie.

Tauchglocke zur Bergung römischer Schätze

Aus antiken Quellen war bekannt, dass zwei Prunkschiffe des Kaisers Caligula im Kratersee versunken waren. Nach erfolglosen Versuchen, die Schiffe Mitte des 15. Jahrhunderts von einer Plattform aus zu heben, konstruierte Francesco de Marchi 1531 eine Tauchglocke. "Die Person hatte die Hände frei und konnte einzelne Stücke aufsammeln", sagt Martin. Der große Erfolg allerdings blieb aus, auch bei späteren Versuchen.

Erst 400 Jahre später, zwischen 1928 und 1930, gelang am Nemi-See der große Coup. Allerdings fand er nicht mehr unter Wasser statt: "Diesmal tauchte man nicht zum Schiff, sondern ließ einfach das Wasser bis auf den Grund ablaufen", sagt Martin. Auf dieses Verfahren setzten Archäologen auch später noch, zuletzt 1979, als ein Wikingerschiff im Hafen der mittelalterlichen dänischen Hafenstadt Haithabu geborgen wurde.

Wie mühsam und gefährlich die Tauchunternehmen waren, zeigt die Bergung eines römischen Schiffs vor der Ostküste der südlichen Ägäis-Insel Antikythera im Jahr 1901. "Sechs Taucher hatten acht Minuten für den Tauchgang, davon fünf Minuten für die Arbeiten am Wrack, drei Minuten für das Auf- und Abtauchen", sagt Martin. Die Arbeit unter Wasser ist so anstrengend, dass jeder nur zwei Tauchgänge durchführen konnte - wenn das Wetter mitspielte.

"Die Taucher arbeiteten stets am Rande der Erschöpfung und wollten zweimal die Aktion abbrechen", sagt Martin. Sie ließen sich jedes Mal überreden. Zwei der Taucher bezahlten ihre Entscheidung mit halbseitigen Lähmungen, einer mit dem Leben. Archäologischen Erfolge waren solche Unternehmungen nicht. "Es gab keine Dokumentation darüber, was wo gelegen hatte, die Taucher waren eben keine Archäologen."

Taucherkrankheit und Tod drohten

Das Tauchen nach Amphoren, Statuen und Silbermünzen war gefährlich. Die Druckunterschiede belasteten den Körper. Beim zu schnellen Auftauchen aus zu großer Tiefe perlt wegen des Druckabfalls Stickstoff im Blut aus.

Auch Apnoetaucher, die normalerweise nicht darunter zu leiden haben, bekommen die Folgen zu spüren, wenn sie zu häufig in zu kurzen Abständen hintereinander tauchen. Die Folgen der schlechten Dekompression: Juckreiz, Schwellungen, Lähmungen durch Lufteinschlüsse im Rückenmark, Bewusstlosigkeit bis zum Atemstillstand, Lungenriss, neurologische Langzeitschäden.

Lange war unklar, was die Ursache der Taucherkrankheit war. Erst 1907 veröffentlichte der Physiologe John Scott Haldane eine Tabelle, an der Taucher ablesen konnten, wie sie sich beim Auftauchen verhalten mussten, um die gefürchtete Taucherkrankheit zu vermeiden. "Keine Entwicklung in der Geschichte des Tauchens hat so viele Leben gerettet wie Haldanes Tabelle", sagt Trevor Norton, Meeresbiologe an der University of Liverpool.

Helme für Spaziergänge am Grund

Ein Fortschritt - zumindest die Zeit unter Wasser betreffend - waren Taucherhelme, die manchmal wie umgedrehte Milchkannen aussahen. Zunächst waren sie noch nicht wasserdicht am Anzug befestigt, sondern wurden über einen Schlauch und eine von mehreren Männern handgetriebene Pumpe mit Luft versorgt. Mitte des 19. Jahrhunderts blieb der Belgier Henri Milne Edwards auf diese Art eine Dreiviertelstunde bis zu acht Meter unter Wasser. "Nur die Anstrengung hielt mich ab, auf dem Meeresboden einen ausgedehnten Spaziergang zu machen", erzählte er später.

Doch der Helm hatte seine Tücken. Wenn Edwards nicht völlig aufrecht ging, drang Wasser ein und er konnte ertrinken. Ebenfalls mit Bleischuhen bestückt, war Edwards so schwer, dass es Mühe machte, ihn hochzuziehen. Einmal brach die Stange, an der das Seil befestigt war, mit dem der Taucher wegen schlechten Wetters an Bord gehievt werden sollte. Die Bleischuhe und der Helm zogen ihn in die Tiefe. Die Seemänner sprangen hinterher. Edwards wurde gerettet, ein Seemann ertrank - weil er nicht schwimmen konnte.

Explodierte Lungen im Ballon-Anzug

1819 präsentierte in England der deutschstämmige August Siebe den ersten gummierten Taucheranzug, an dem ein Helm mit Schrauben wasserdicht fixiert werden konnte. Doch dadurch wurde das Tauchen nicht unbedingt ungefährlicher. Mehrere Männer pumpten mühsam Luft über einen Schlauch in den Anzug: "Wenn das Tauchen eine anstrengende Sache war, dann war das Hinabpumpen der Luft eine Sträflingsarbeit", schreibt Trevor Norton in seinem Buch "In unbekannten Tiefen".

Bekam der Taucher zu viel oder zu wenig Luft, konnte der Ausflug in die Tiefe tödlich enden. "Zu wenig Luft ließ den Taucher ersticken, zu viel blähte den Anzug in den ersten Modellen auf und ließ den Taucher wie einen Korken nach oben schießen - so schnell, dass sich seine Lungen aufbliesen und explodierten."

Gefürchtet war auch die "Presse". Wenn die Luftversorgung abgeklemmt wurde und ein Ventil im Helm versagte, breitete sich der Wasserdruck im Anzug so schnell aus, dass der Taucher in bestimmten Tiefen schmerzhaft in den Helm gepresst wurde.

Mit Luftschlauch waren Wracks tabu

Damit das nicht passierte, war eines wichtig: "Immer freies Wasser über dem Taucher", sagt Martin. Damit war auch die Suche für Schatztaucher nur eingeschränkt möglich. Gold- und Silbertruhen tief im Inneren spanischer Fregatten aus dem 16. Jahrhundert blieben unerreichbar.

Das änderte sich, als die Taucher dank Pressluftflaschen endlich unabhängig wurden. "Die Erfindung der 'Aqualunge' von Emile Gagnan und Jacques-Yves Cousteau in den vierziger Jahren machte die Taucher endlich unabhängig", sagt Hanz Günter Martin.

Von der Erfindung der Pressluftflasche und einem speziellen Mundstück, das es den Tauchern ermöglicht, so viel Luft zu atmen wie sie benötigen, profitierten nicht nur Schatztaucher, sondern auch Archäologen: "Endlich konnten Archäologen selbst hinuntergehen", sagt Martin.

Macho-Taucher gegen "ungeschickte Archäologen"

Das war zunächst gar nicht so leicht, wie George Bass, einer der Pioniere der modernen Unterwasser-Archäologie, erzählt: "Hobbytaucher und Profis versuchten in den fünfziger Jahren eine Art Monopol auf Schiffswracks zu erkämpfen. Sie verbreiteten das Gerücht, wir Archäologen würden niemals so gut tauchen können wie sie." Die Akademiker seien unpraktisch veranlagt, und sie sollten die schwere Arbeit den echten "Männern der See" überlassen. Auch Tauchlegende Jacques-Yves Cousteau war bekannt dafür, dass er Archäologen für ungeschickte Pedanten hielt und ihnen klar machte, wer das Sagen hatte.

Selbst innerhalb der Archäologie hatten die Froschmänner bis in die Gegenwart um die Anerkennung zu kämpfen: "Bis heute nehmen mich viele Kollegen nicht als Archäologen wahr, obwohl ich zwei Jahrzehnte lang Vorlesungen und Seminare über die Archäologie der Frühzeit gehalten habe", klagt Bass. Der inzwischen emeritierte Professor hatte mit einen ersten Großunternehmungen Anfang der sechziger Jahre vor der türkischen Küste den Startschuss für die moderne Unterwasser-Archäologie gegeben.

Viele Laien glauben auch heute noch, Unterwasserarchäologie und Schatzsuche seien im Grunde dasselbe. Aber eigentlich ist es das Gegenteil. Schatzsucher wollen die Schätze der Meere ausbeuten. "Unterwasser-Archäologen wollen die meisten Funde inzwischen eher da belassen, wo sie sind", sagt Hanz Günter Martin. "Am Meeresboden sind sie am besten aufgehoben."

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