Schrift:
Ansicht Home:
Wissenschaft
Samstag, 17.08.2019   06:25 Uhr

Spielplätze

Liebe Leserin, lieber Leser,

in jüngerer Zeit lese ich häufig davon, dass Kinder mitbestimmen dürfen, wenn es um die Ausgestaltung von Spielplätzen geht. "Das ist keine gute Idee", denke ich - Vater eines vierjährigen Sohnes - dann reflexartig. Denn das einzige Gefühl, das eine mich auf Spielplätzen regelmäßig überkommende Langeweile noch übertreffen kann, ist die Sorge, dass mein Sohn sich seinen Kopf an irgendwelchen unsinnigen Felsformationen aufschlägt oder von einer windschiefen Holzkonstruktion aus drei Meter Höhe ungebremst auf den Boden plumpst.

Ute Grabowsky/ photothek.net

Klettergerüst in Bonn

Titelbild

Mehr dazu im SPIEGEL

Heft 34/2019
Glatt gelogen
Ewig junge Haut? Die falschen Versprechungen der Kosmetikindustrie - und was wirklich hilft

Für mich wäre es völlig okay, ein Spielplatz würde aus einer überschaubaren Sandfläche bestehen. Ein paar Förmchen dazu, und fertig ist der Spaß. Vorbei die Angst, den Kleinen aus den Augen zu verlieren; ganz überflüssig auch die Angst vor einem nachmittäglichen Besuch auf der Intensivstation. Aber Spielplätze sollen doch das kreative Denken unserer Kinder schulen, werden Sie jetzt einwenden. Reicht es nicht, wenn einer in der Familie kreativ ist (ich)?, lautet meine Antwort.

Wenn Sie mich nun für einen ausgemachten Helikoptervater halten, darf ich Sie mit folgendem Fall vertraut machen: Ein Abenteuerspielplatz in einer kanadischen Gemeinde unweit von Vancouver. Ein sehr liberales, fortschrittliches Land mit einem sehr smarten Premierminister (Justin Trudeau) - die müssen doch wissen, wie man's richtig macht, könnte man denken. Und dann dieses Desaster: überall Nägel, Sägen und Hämmer; das kommt davon, wenn man Kindern auf dem Spielplatz die (planerische) Macht überlässt.

Die Lektüre des folgenden Textes hat mich allerdings nachdenklich gemacht. Er stammt aus der Feder eines Mannes, der viele Jahre lang Spielplätze gestaltet hat. So weist der Spielplatz-Designer Günter Beltzig darauf hin, dass die Gestaltung solcher Orte häufig in den Aufgabenbereich von Landschaftsplanern fällt. Ob die unbedingt wissen, was für Kinder gut ist?

Mich erinnert das an eine eigene Recherche zum Thema Zooarchitektur, mit der ich vor etwa einem Jahr beschäftigt war. Wie sich herausstellte, sind für die Planung solcher Tierparks vielerorts noch immer vor allem Architekten zuständig. Die haben aber keinen blassen Schimmer davon, was für die Tiere gut ist. Das Hauptaugenmerk liegt darauf, dem Besucher ein wohliges Erlebnis zu bescheren. Nur die fortschrittlichsten Zoos auf der Welt ziehen bei der Neugestaltung ihrer Gehege inzwischen Tierbiologen und Verhaltensforscher hinzu, die mit den Bedürfnissen von Affen, Löwen und Bären vertraut sind.

Was würde wohl geschehen, wenn so eine Entwicklung auch bei der Gestaltung von Spielplätzen um sich greifen würde? Und sich nicht mehr nur irgendwelche Bürokraten vom Grünflächenamt austoben dürften? Ich ahne, dass meine Vorstellung von überdimensionierten Sandkästen sich dann vermutlich nicht durchsetzen würde. Und das ist vermutlich auch gut so.

Herzliche Grüße

Frank Thadeusz

Feedback & Anregungen?


Abstract

Meine Leseempfehlungen dieser Woche

Elementarteilchen - der wöchentliche Wissenschafts-Newsletter. Elementarteilchen ist kostenlos und landet jeden Samstag gegen 10 Uhr in Ihrem Postfach. Abonnieren Sie den Newsletter hier:

Quiz

* Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter

Bild der Woche

Ibrahim YOUSSOUF/ AFP

Auf drei Beinen kann man nicht stehen, wenn man als Pferd zur Welt gekommen ist. Das Fohlen Sham al-Agha ist das derzeit prominenteste Beispiel dafür, dass im syrischen Bürgerkrieg auch Tiere zu Schaden kommen - und dass in dieser Situation mitunter das Mitgefühl obsiegt: Ein lokaler Hersteller von Prothesen baute der jungen Stute ein künstliches Bein.

Fußnote

103

Wissenschaftler aus Nordkorea wurden von Staatsführer Kim Jong Un mit dem "Befehl Nr. 008" belegt. Der Diktator belobigt darin die "außergewöhnliche schöpferische Kraft" der Forscher. Ihre Namen wurden auf der Titelseite der Parteizeitung abgedruckt. Die Ausgezeichneten erwarben sich ihre wissenschaftliche Exzellenz auf eine in Nordkorea besonders geschätzte Weise: Sie trieben das Waffenprogramm des kommunistischen Landes voran.

SPIEGEL+-Empfehlungsliste Wissenschaft


* Quiz-Antworten: 30.000 Grad Celsius. / Die Kakerlake. / Rund 8 Minuten und 19 Sekunden - Licht überwindet 300.000 Kilometer pro Sekunde, die Sonne ist 150 Millionen Kilometer von der Erde entfernt.

insgesamt 40 Beiträge
snafuprinzip 17.08.2019
1. Was haben die Eltern auf dem Spielplatz zu suchen?
Ich wundere mich in den letzten 10 Jahren sehr darueber, dass auf den meisten Kinderspielplaetzen mehr Erwachsene als Kinder sind. In meiner Kindheit (Jahrgang 73) war der Spielplatz ein Ort an dem Kinder ungestoert spielen [...]
Ich wundere mich in den letzten 10 Jahren sehr darueber, dass auf den meisten Kinderspielplaetzen mehr Erwachsene als Kinder sind. In meiner Kindheit (Jahrgang 73) war der Spielplatz ein Ort an dem Kinder ungestoert spielen konnten. Und da ist beim besten Willen genauso viel bzw. wenig passiert. Spaetestens wenn Kinder alt genug sind um in die Grundschule zu gehen haben Eltern meiner Meinung nach in der Freizeit der Kinder nichts mehr zu suchen und diese auch nicht fuer die Kinder zu verplanen.
intercooler61 17.08.2019
2. zum Thema Spielplatzdesign
Grundsätzlich ist es sicher eine gute Idee, die Kinder zu fragen (bzw. zu beobachten). Die meisten modernen Plätze mit einem Mix aus "Klassikern", fantasievollen Klettergelegenheiten und Wasserspielen erfreuen sich [...]
Grundsätzlich ist es sicher eine gute Idee, die Kinder zu fragen (bzw. zu beobachten). Die meisten modernen Plätze mit einem Mix aus "Klassikern", fantasievollen Klettergelegenheiten und Wasserspielen erfreuen sich aber schon heute schon großer Beliebtheit bei den Kids - so jedenfalls meine Erfahrungen. Der Verhütung schwerer Unfälle mit u.U. lebenslangen Folgen gebührt trotzdem Top-Priorität. Dazu gehören neben regelmäßiger Instandhaltung und Kontrolle auch konstruktive Details, wie z.B. die quetschsichere Abdeckung von Schraubenfedern an Wippen u.ä. - da gäbe es durchaus noch Luft nach oben. Für beides (Pädagogik und Sicherheit) gibt es qualifizierte Spezialisten. Günter Beltzig zähle ich allerdings _nicht_ zu diesen, seit er kürzlich auf SpOn die Umzäunung von Spielplätzen als "Käfighaltung" beklagt und statt dessen "autofreie Städte" gefordert hat. (Will er denn auch Busse & Straßenbahnen verbieten? Seen, Tümpel, Löschteiche? Und wie dafür sorgen, dass bei 2 ErzieherInnen für 25+ Flöhe keiner der letzteren abhanden kommt?) Beltzigs Klage (im damaligen Interview), pro Anwohner im Einzugsgebiet seien nur 1,5 m2 Spielplatzfläche vorgesehen, "so eine ältere[sic!] Norm", entpuppt sich bei näherer Betrachtung als irreführende Stimmungsmache: Maßgeblich wäre die Fläche pro _Kind_ im Spielplatzalter (schon bei dieser älteren Norm immerhin gut 10 m2) - und auch letztere sind nicht alle gleichzeitig dort anwesend. Klar ist: Ein Spielplatz braucht Platz, das sagt schon der Name - je mehr, desto besser. Und seine Gestaltung braucht Fachleute. "Quereinsteiger" sind als Ideengeber willkommen, aber nicht als Ideologen.
whitewisent 17.08.2019
3.
Hallo! Ein Hinweis aufgrund meiner Beteiligung an zwei Finanzplanungen für Spielplätze. Zum arbeiten die Landschaftsplaner in der Regel mit Spielelemente, die durch Spezialfirmen hergestellt werden, nicht von ihnen entworfen. [...]
Hallo! Ein Hinweis aufgrund meiner Beteiligung an zwei Finanzplanungen für Spielplätze. Zum arbeiten die Landschaftsplaner in der Regel mit Spielelemente, die durch Spezialfirmen hergestellt werden, nicht von ihnen entworfen. Das Seilgerüst auf dem Bild ist dafür ein gutes Beispiel. Das Hauptproblem bei den Planungen ist das Gesamtbudget, von dem für "einen Spielplatz" sehr viel für Wege, Grünanlagen und Zaunanlage benötigt wird. Für die Geräte bleibt am Ende immer zu wenig, da mit mehr Geld auch die Ansprüche steigen. So soll alles möglichst natürlich sein, auch wenn jedem klar ist, dass Sisal und Holz dann nach 3 Jahren instandgesetzt werden müssen. Das Potential des "Neuen" hat ein Spielgerät für Kinder nur für einige Wochen, dann ist es egal, wie detailiert ein Klettergerüst gestaltet ist, oder ob eine Rutsche nun 3 oder 4 Meter lang ist. Kinder sind übrigens auch da nicht automatisch die Experten, weil sie eben gerade nicht die Belange aller Zielaltersgruppen und Geschlechter beachten. Das ein "Konsens" dann nie wirklich optimal ist, wie halt überall im Leben.
max-mustermann 17.08.2019
4.
Meiner Erfahrung nach langweilen sich auf Spielplätzen eignetlich nur die Kinder die ihre Freizeit ansonsten überwiegend mit Fernsehen und daddeln an der Konsole/Tablet usw. verbringen. Da liegt das Problem aber eindeutig nicht [...]
Meiner Erfahrung nach langweilen sich auf Spielplätzen eignetlich nur die Kinder die ihre Freizeit ansonsten überwiegend mit Fernsehen und daddeln an der Konsole/Tablet usw. verbringen. Da liegt das Problem aber eindeutig nicht an den Spielplätzen.
greif81 17.08.2019
5. Abenteuerspielplatz
Also der oben erwähnte Abenteuerspielplatz in Kanada,... der hat schon etwas. Erinnert mich an meine Kindheit, als wir mit allerlei "gefährlichem" Werkzeug in den Wald marschiert sind und dann stundenlang Baumbuden gezimmert [...]
Also der oben erwähnte Abenteuerspielplatz in Kanada,... der hat schon etwas. Erinnert mich an meine Kindheit, als wir mit allerlei "gefährlichem" Werkzeug in den Wald marschiert sind und dann stundenlang Baumbuden gezimmert haben. Sehr zum Ärger des Försters. Sogar Feuer haben wir da gemacht (ohoooo). Selbstverständlich wussten unsere Eltern NICHT, wo wir stecken und was wir da treiben. Ich wünsche unseren Kinder mehr von dieser Anarcho-Mentalität und Eltern, die sie machen lassen. Dann basteln die ihre Spielplätze selbst (auch wenn's dann mal Ärger gibt, gehört auch dazu).
Newsletter
Elementarteilchen - der Wissenschafts-Newsletter

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP