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Wissenschaft

Wenn Wissenschaftler mit Laien sprechen

Herr Falcke erklärt das Unvorstellbare

Sie finden schwarze Löcher interessant - haben aber keine Ahnung, wie sie eigentlich funktionieren? Der Astronom Heino Falcke hat öfter mit Menschen wie Ihnen zu tun - wir haben den Spitzenforscher dabei begleitet.

Emily Wabitsch/ SPIEGEL ONLINE

Astronom Heino Falcke

Von
Sonntag, 07.07.2019   20:15 Uhr

Nun nimmt Heino Falcke auch noch seine Arme und Hände zur Hilfe, um zu erklären, was sein Job ist. Gestikulierend steht er vor seinem Publikum im Planetarium von Erkrath und schiebt vor seinem Körper einen Unterarm vor den anderen, das sieht ein wenig so aus, wie beim Breakdance. Es soll aber visualisieren, wie Falcke mit einem internationalen Wissenschaftsteam kürzlich eine kleine Sensation präsentierte: das erste Bild eines schwarzen Lochs überhaupt.

Dafür mussten mehrere Teleskope weltweit zusammengeschaltet und die aus dem All gemessenen Datenkurven gewissermaßen übereinandergelegt werden. Falcke, Professor für Astronomie im niederländischen Nimwegen, ahmt das mit seiner Geste nach. Es ist der erste Vortrag, den er nach der Veröffentlichung des Bildes vor einem Laienpublikum hält.

Falcke besitzt die Fähigkeit, so zu kommunizieren, wie es hochgradig spezialisierten Wissenschaftlern nur selten gegeben ist: Er kann Einsteins Relativitätstheorie so erklären, dass sie auch Schüler verstehen. Wenn er von schwarzen Löchern erzählt, wie sie durch den Kollaps eines Sterns entstehen und zu den merkwürdigsten Orten im Universum werden, wenn er ihre gigantische Anziehungskraft erklärt und beschreibt, wie alles in ihnen verschwindet, sogar Licht, dann wirkt seine Begeisterung für das Thema beim Zuhörer selbst wie ein schwarzes Loch, das alle Aufmerksamkeit zu sich zieht. "Dort wird die ganze Physik verrückt", sagt er und man denkt: "faszinierend!".

Im Video: Heino Falcke über schwarze Löcher

Foto: DPA

Falcke gehört zu einer Gruppe von Wissenschaftlern, die nicht nur forscht. Sie sehen ihre Aufgabe auch darin, vor Laien über ihre Arbeit zu sprechen. "Third Mission" nennen sie diesen Teil ihrer Arbeit. Tatsächlich ist das sogar in den Hochschulgesetzen vorgeschrieben: Sie verpflichten Forscher dazu, ihr Wissen unters Volk zu bringen. Neben den Kernaufgaben Forschung und Lehre sollen Universitäten auch etwas an die Gesellschaft zurückgeben. Schließlich sind es überwiegend Steuergelder, die den Hochschulbetrieb finanzieren, sagt auch Falcke.

Dieser dritte Arbeitsbereich wird immer wichtiger. Inzwischen wird die Vermittlung von Wissen durch Vorträge, Pressearbeit, Kinderunis oder Kooperationen von Forschern nicht mehr nur als Pflichtaufgabe wahrgenommen. Wissenschaftler erkennen offenbar zunehmend auch Vorteile im Austausch mit Laien.

"Die Motivation für die Kommunikationstätigkeiten von Wissenschaftlern sind unterschiedlich", sagt Annette Leßmöllmann. Sie erforscht am Karlsruher Institut für Technologie Wissenschaftskommunikation. Die meisten redseligen Forscher aber verfolgen ihrer Meinung nach kein altruistisches Interesse: "Einige betreiben Nachwuchsförderung, indem sie für ihre Themen begeistern. Andere nutzen Vorträge als Eigenwerbung." Teils ergeben sich durch den Dialog auch neue, wissenschaftliche Fragestellungen für ihre Arbeit.

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Belastbare Daten zu einer gestiegenen Kommunikationsbereitschaft innerhalb der Wissenschaft gibt es allerdings kaum. Aber einige Hinweise deuten in diese Richtung, sagt Leßmöllmann. So ist die Zahl der Forscher weltweit gestiegen - innerhalb von sechs Jahren um 21 Prozent: 2007 zählte der Science Report der Unesco noch 6,4 Millionen in Vollzeit beschäftigte Forscher - 2013 waren es schon 7,8 Millionen. Damit dürfte auch der Wettbewerb um Aufmerksamkeit zugenommen haben.

Vor diesem Hintergrund ist es nur logisch, dass sich Forscher vermehrt in der Öffentlichkeit präsentieren. Dabei geht es nicht nur um Eitelkeit, sondern in manchen Fällen auch um Geld: Viele Wissenschaftler hoffen, sich durch derlei Aktivitäten bei der Vergabe von Fördergeldern, sogenannten Drittmitteln, Vorteile zu verschaffen. Unis möchten eine möglichst hohe Wahrnehmung erzielen, indem die eigenen Experten in Print-, Online- und TV-Formaten platziert werden. "Alle buhlen um Aufmerksamkeit. Die Ökonomie ist in der Wissenschaft angekommen", sagt Leßmöllmann.

Im Planetarium von Erkrath ist Falcke mit seinem Vortrag inzwischen fertig. Bei der anschließenden Fragerunde wollen zwei ältere Herren wissen, wie genau die Teleskope zusammengeschaltet wurden und welche Wellenlängen es bei den Messungen gibt. Wieder erklärt Falcke. Und fragt nach, ob er gut genug erklärt hat. Dann klappt er sein Laptop zu. "Schade, heute waren kaum junge Menschen da", sagt er und blickt auf sein Smartphone.

Es ist inzwischen fast sein wichtigstes Kommunikationsgerät, vor allem, wenn es darum geht, jüngere Menschen anzusprechen. Falcke nutzt soziale Netzwerke, ist auf Twitter, Facebook und Instagram - allesamt mächtige, digitale Werkzeuge in der Kommunikationswelt junger Menschen. Er will nicht nur Ingenieure und pensionierte Physiklehrer ansprechen.

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Schwarzes Loch: Abschied von der Fantasie

Vor allem der Kurzinformationsdienst Twitter hat sich für Wissenschaftler zu einer interessanten Plattform entwickelt. Einerseits kann man sich darauf gut mit Kollegen austauschen. Gleichzeitig lässt sich das Medium auch perfekt nutzen, um sehr gezielt Journalisten und Laien über neue Veröffentlichungen zu informieren. Falckes Tweet von der ersten Visualisierung eines schwarzen Lochs hätten inzwischen rund 600.000 Menschen gesehen, erzählt er. Die Veröffentlichung hat ihm Ruhm eingebracht. Neulich sei er sogar nach einem Autogramm gefragt worden, erzählt er mit einer Mischung aus Stolz und Unterstatement.

Wissenschaftler als Popstars? Was lange als undenkbar galt, ist heute zarte Tatsache. Die Fernsehserie "Big Bang Theory", eine Art Hommage an den Wissenschaftsnerd, wird längst nicht nur von Physikern verehrt. Zwar empörten sich schon manche Forscher, dass die Serie Negativklischees über Naturwissenschaftler verbreite. Aber dank der korrekten Darstellung der wissenschaftlichen Sachverhalte wertet ein Großteil der Community den Erfolg der Serie als gelungenen Beitrag zur Wissenschaftskommunikation.

Viele Forscher nutzen neuere Interaktionsmöglichkeiten mit dem jungen Laienpublikum. Unorthodoxe Ideen dazu gibt es genug: Vor einigen Monaten sprach Falcke auf einer Veranstaltung in Kopenhagen mitten im ehemaligen Hippieviertel Christiania über seine Arbeit. Bei Cocktails und schummrigem Licht im einst bei Autonomen und Lebenskünstlern beliebten Stadtteil lauschte das Publikum gebannt, was Falcke über die Hawking-Strahlung am Rande von schwarzen Löchern erzählte.

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Der Auftritt vor Kneipenpublikum gehört schon länger zum Veranstaltungsspektrum innerhalb der Wissenschaft. Bei Science-Slams versuchen sich die Forscher mit unterhaltsamen Vorträgen über komplexe Wissenschaftsthemen zu überbieten. Seit einigen Jahren gibt es in Deutschland sogar Science-Slam-Meisterschaften mit steigenden Zuschauerzahlen.

Dass die Vielfalt in der Kommunikation gestiegen ist, bestätigt auch Medienforscherin Leßmöllmann. "Wir haben mehr als hundert verschiedene Formate gezählt, durch die Wissenschaft nach außen getragen wird - vom Science Slam bis zur Kinderuni", sagt sie.

Falcke, schmaler grauer Anzug, weißes Hemd, fühlt sich in diesem Universum, erkennbar wohl. Manchmal wirkt er eher wie ein Manager als wie ein Astronom. Der 52-Jährige ist wortgewandt und könnte als Beispiel für eine neue Generation von Forschern stehen, die ein hohes Maß an sozialer Kompetenz benötigt und kommunikationsstark sein muss, um internationale Projekte mit Hunderten beteiligten Forschern zu stemmen.

Denn nicht nur die Kommunikation außerhalb der Wissenschaftsblase schafft neue Anforderungen. Auch die Vernetzung innerhalb der Wissenschaft braucht in einem erhöhten Maße Kommunikatoren. Der schwierigste Teil beim Megaprojekt zum schwarzen Loch sei es gewesen, die ganzen Wissenschaftler der verschiedenen Teleskope und Hochschulen in verschiedenen Teilen der Erde zu einem Team zusammenzubringen, erzählt Falcke. Endlose Telefonkonferenzen habe es gebraucht, um das Projekt zu koordinieren. Doch nur im Verbund war der Welterfolg möglich.

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Kürzlich war Falcke für einen Vortrag am Desy in Hamburg. Am Deutsche Elektronen-Synchrotron (Desy) forschen Wissenschaftler mit Teilchenbeschleunigern eigentlich in einem ganz anderen Bereich, der Elementarteilchenphysik. Aber für die Geheimnisse schwarzer Löcher interessieren sich auch viele Desy-Mitarbeiter und Studenten. Christian Schwanenberger, einer der leitenden Forscher am Desy, ist etwas neidisch, als Falcke eine Videoanimation des schwarzen Lochs zeigt. "Die Astronomen haben immer so tolle Bilder, das fehlt uns", sagt er.

Auch die Desy-Forscher wollen Begeisterung für die Physik wecken. Das versuchte man am einst größten Teilchenbeschleuniger der Welt im vergangenen Jahr mit einer Kunstaktion. Sie sollte Menschen auf die Anlage locken, die sich sonst eher nicht für Physik interessieren. Die streng gesicherten Tunnel der Teilchenbeschleuniger, in denen einst Protonen und Elektronen aufeinander gejagt wurden, um zu ergründen, was die Welt im Innersten zusammenhält, wurde für Kunstinstallationen genutzt, auf dem Gelände tummelten sich Wissenschaftler und Kulturvolk. "Forschung und Kunst, das hat sehr gut zusammengepasst", sagt Schwanenberger. Kunstschaffende und Wissenschaftler hatten sich vorher ausgetauscht und festgestellt, dass sie doch sehr viel ähnlicher arbeiten, als angenommen. 2020 soll die Aktion wiederholt werden.

In Erkrath ist es inzwischen nach 22 Uhr. Falcke, der keinen Alkohol trinkt, war noch mit Mitarbeitern des Planetariums in der Kneipe. Es ist spät am Abend, als der Astronom in sein Auto steigt und nach Hause fährt. Er wirkt beseelt, aber auch müde. Seitdem das Bild vom schwarzen Loch veröffentlicht wurde, ist das Interesse nicht abgerissen. Es wird in den kommenden Monaten so weitergehen: In einer ruhigen Woche hält er einen Vortrag pro Woche. Manchmal sind es auch mehr.

Wünscht sich Falcke manchmal ruhigere Zeiten oder die Konzentration allein auf seine fachliche Arbeit? "Solange ich die Menschen für schwarze Löcher und Physik begeistern kann, ist das schön", sagt er.

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