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Wissenschaft

Wrack in der Ostsee

Das kuriose Ende der "Water Nymph"

Die Ostsee gehört zu den Seegebieten mit der höchsten Wrack-Dichte der Welt. Jetzt haben Forscher das Geheimnis eines britischen Seglers gelöst, der vor mehr als 130 Jahren gesunken ist. Es ist eine kuriose Geschichte von einer absichtlichen Havarie und beleidigten deutschen Beamten.

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Samstag, 19.04.2008   16:35 Uhr

In der Nacht des 29. August 1875 peitsche ein heftiger Sturm über die Ostsee. Die Bewohner des Fischerdorfs Ahrenshoop, das sich 40 Kilometer nordöstlich von Rostock auf einer Landenge zwischen Ostsee und Saaler Bodden zwängt, lagen bereits in den Betten. Gegen Mitternacht knirschte es gewaltig am Strand: Eine britische Brigg, fast 30 Meter lang, lief auf Grund. Es war der Auftakt zu einer kuriosen Geschichte, die mehr als hundert Jahre in Vergessenheit lag - bis Forscher sie jetzt wiederentdeckten.

Weiße Strände, duftende Kiefernwälder und meist kristallklares Meerwasser: Die Außenküste des Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft ist eine Landschaft wie aus dem Reisekatalog. Doch die Idylle kann trügerisch sein: Unter Seeleuten war die Küstenregion jahrhundertelang gefürchtet, und auch heute noch ist das brackige Meeresgebiet zwischen Rostock und Rügen bedrohlich für unerfahrene Skipper. Die Ostsee kann zwar nicht so kraftvoll toben wie die Nordsee oder der Atlantik, aber dafür sind ihre Untiefen und wandernden Sandbänke umso gefährlicher.

Dennoch hatten die Kapitäne kaum eine Wahl. Es ging um Zeit, Geld und Gewinn. In der Ostsee herrschte schon im Mittelalter reger Schiffsverkehr. Niemand weiß genau, wie viele Segler, Dampfer und Fischerboote hier im Laufe der Jahrhunderte untergingen. Seit der Wiedervereinigung werden sämtliche Schiffsüberreste am Meeresgrund systematisch von den Behörden erfasst. Mittlerweile sind die Positionen von über 1200 Wracks bekannt.

"Es gibt hier richtige Schiffsfriedhöfe", sagt Mike Belasus vom Landesamt für Kultur und Denkmalpflege in Schwerin zu SPIEGEL ONLINE. Mancherorts liegen die Wracks wie auf einem Parkplatz nebeneinander - vor allem an der sogenannten Darßer Schwelle und vor Hiddensee.

Auch das Schiff, dessen Überreste seit mehr als 133 Jahren vor Ahrenshoop liegen, war offenbar den tückischen Untiefen zum Opfer gefallen. Noch zu DDR-Zeiten hatten Rettungsschwimmer den von Sand bedeckten Holzrumpf vor Ahrenshoop auf Fischland, der Landbrücke zwischen der Halbinsel Darß-Zingst und dem Festland, entdeckt. 1995 ging die Rostocker Gesellschaft für Unterwasserarchäologie der Sache nach, wenn auch nicht sehr genau. Man hielt das Wrack für die Schmack "Die guten Freunde", die 1844 in diesem Küstenabschnitt gestrandet war. Und dabei blieb es vorerst.

Komplizierte Detektivarbeit unter Wasser

2002 aber führten Denkmalpfleger eine Erkundung des Meeresbodens vor Ahrenshoop durch. Taucher untersuchten das etwa 150 Meter vom Strand entfernt liegende Wrack. Schon bald stellten Experten fest: Dies konnte nicht "Die guten Freunde" sein. Der knapp 27 Meter lange und sieben Meter breite Rumpf passte nicht zu einer Schmack. Es musste sich um die Überreste eines größeren Segelschiffs mit mehr Tiefgang handeln. Auch die Lage - quer zur Küstenlinie mit dem Bug zum Meer - war ungewöhnlich. Normalerweise stranden Schiffe parallel zum Strand oder mit dem Bug zur Küste.

Die beteiligten Archäologen entschieden sich zu einer Erforschung des Wracks. Kein leichtes Unterfangen: Große Mengen Sand mussten mit Schläuchen abgesaugt werden, um den Rumpf zumindest stellenweise freizulegen. Die Wassertiefe von nur drei Metern erwies sich als zusätzliches Hindernis. Wellen wirkten noch am Boden und sorgten für instabile Verhältnisse. "Jedes Bisschen auflandiger Wind hat alles wieder zugeschüttet", sagt Grabungsleiter Jens Auer, der heute als Dozent für Unterwasser-Archäologie an der Syddansk Universitet im dänischen Esbjerg tätig ist. Dennoch erfassten die Wissenschaftler zahlreiche Details des mysteriösen Schiffes. Besonders aufschlussreich: Die Tiefgangs-Markierungen am Heck. Sie waren in englischen Fuß statt in einer kontinentalen Maßeinheit eingeteilt.

Im Vorpommerschen Landesarchiv in Greifswald fanden die Forscher eine heiße Spur: Im Jahr 1875 beschrieb der damalige Strandhauptmann Bathke die merkwürdige Strandung einer britischen Brigg namens "Water Nymph" bei Ahrenshoop. Fischer hatten demnach die Besatzung am Morgen nach der Havarie gerettet. Anschließend versuchte Bathkes Assistent, der örtliche Strandvogt, das Schiff mit einigen Männern wieder flott zu kriegen.

Schiffsbesitzer hatte kein Interesse an Bergung

Die Chancen standen nicht schlecht. Es gelang den Beamten mit Ankern und Seilen, den Bug seewärts zu wenden. Nun musste nur noch der Ballast entfernt werden. Doch der Kapitän und Besitzer der "Water Nymph", ein gewisser William Peck, war davon weniger begeistert. Er verweigerte sämtliche Anweisungen und beleidigte Bathkes Bergungsteam. Am Ende mussten der Strandvogt und seine Männer erfolglos abziehen. Später fanden sie die Brigg verlassen und mit Wasser vollgelaufen vor. Das Schiff war nicht mehr zu retten.

Auer und Belasus waren sich nach der Lektüre des Berichts sicher, die "Water Nymph" gefunden zu haben. Den endgültigen Beweis lieferten historische Unterlagen der englischen Versicherungsgesellschaft Lloyd's. In einem Gutachten von 1840, dem Baujahr des Schiffes, sind zahlreiche Details zur Konstruktion der Brigg aufgelistet. Sie passen exakt zum Wrack von Ahrenshoop, schreiben Auer und Belasus im "International Journal of Nautical Archaeology".

Es bleiben die Fragen nach der Ursache der Havarie und dem Grund für Pecks seltsames Verhalten. Hat er die "Water Nymph" womöglich absichtlich auf Grund gesetzt, um die Versicherungsprämie zu kassieren? Auer und Belasus halten das für wahrscheinlich. Die Brigg war schon 35 Jahre alt und einige Monate vor ihrem Ende bei einer Kollision mit einem Dampfer nahe Swinemünde stark beschädigt worden.

Strandhauptmann Bathke vermutete wohl ebenfalls Betrug, meint Auer. Über Pecks Benehmen beschwerte sich der Staatsdiener schriftlich bei seinen Vorgesetzten. "Empfehlen dürfte es sich, wenn dem K. Peck klar gemacht würde", grimmte Bathke, "dass solche Willkürhandlungen, und ich möchte sagen, Verhöhnungen von Beamten auf deutschem Boden auch selbst einem Engländer nicht gestattet sind."

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