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Wissenschaft

Zukunft der Sprache

Kommunikation als gemeinsamer Wachtraum

Kinder, die virtuelle Musikinstrumente spielen, eine eigene Umwelt erschaffen, statt nur zu konsumieren - für den Informatiker und Visionär Jaron Lanier ist das mehr als nur Spielerei. Er sieht darin die Zukunft der Kommunikation. Vorausgesetzt, die Software wird gut genug sein.

Donnerstag, 06.11.2008   14:19 Uhr

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Ich glaube, dass die Potentiale für eine erweiterte menschliche Kommunikation weit über die Möglichkeiten der Sprache und aller sonstigen heute bereits genutzten Mittel hinausgehen.

Stellen wir uns kurz vor, dass Kinder in Zukunft ganz selbstverständlich mit Techniken einer virtuellen Realität aufwachsen und sich darauf fokussieren, Neues zu erfinden und zu planen, anstatt wie heute vorgefertigte holographische Videospiele, Surroundfilme oder sonstige Inhalte zu konsumieren.

Vielleicht werden diese Kinder der Zukunft eine Art virtuelle Musikinstrumente spielen, die simulierte Bäume, Spinnen, Jahreszeiten, Gerüche oder Ökosysteme entstehen lassen, so wie man mit einem Bleistift Wörter auf ein Blatt Papier zaubern kann. Wenn Menschen mit einer derartigen virtuosen Fähigkeit aufwachsen, die Inhalte einer gemeinsamen virtuellen Welt zu improvisieren, könnte auch eine neuartige Kommunikationsform entstehen.

Man kann sich kaum vorstellen, wie eine "Realkonversation" aussähe. Alle daran Beteiligten würden die gemeinsame Welt jeweils mit Sprachgeschwindigkeit plötzlich verändern, was an Chaos denken lässt, oft jedoch kämen auch sinnhafte Übereinstimmungen zustande. Ein Kind verwandelt sich in ein Ungeheuer und frisst seinen kleinen Bruder, der sich daraufhin in einen giftigen Köttel verwandelt und so fort.

Das nenne ich postsymbolische Kommunikation, die allerdings nicht getrennt von oder gar im Gegensatz zu symbolischen Kommunikationstechniken bestehen kann. Sie wird jedoch etwas anderes sein und das ausdehnen, was Menschen füreinander bedeuten können.

Die postsymbolische Kommunikation wird an einen gemeinsamen absichtsvollen Wachtraum erinnern. Anstatt das Wort "Haus" auszusprechen, schafft man ein bestimmtes Haus und kann es auch betreten; und anstatt die Kategorie "Haus" zu begreifen, blickt man in einen scheinbar kleinen Kübel, der alle Häuser des Universums enthält, um direkt einschätzen zu können, was sie gemeinsam haben. Es wird eine fließende Form empirischer Konkretheit sein und eine nur ähnliche, aber nicht gleichartige Ausdruckskraft bieten wie die der Abstraktion.

Was soll das? Das Erlernen der postsymbolischen Kommunikation wird ein über Jahrhunderte andauerndes Abenteuer sein, eine Sinnerweiterung, etwas Schönes und das Streben nach einer scharfen neuen Technik, die nicht Macht, sondern Verbindung betont. Und es wird eine Form von Schönheit sein, die dem Überleben dient. Da der Trend zur "Cool Tech" unaufhaltsam ist, dürfte die Erfindung einer provokativen Technik, die gewiefte junge Leute anspricht und vom Wettrüsten weglockt, eine Grundbedingung für das Überleben der Spezies sein.

Zwar beziehen sich einige der erwähnten Beispiele (Häuser, Spinnen) auf die Improvisation der äußeren Umwelt, aber die postsymbolische Kommunikation könnte typischerweise mehr so aussehen, als nähmen Menschen unterschiedliche Formen an. Man hat bereits Experimente mit Kindern durchgeführt, die spezielle Anzüge und Sehbrillen trugen, die es ihnen erlaubten, sich in Dreiecke oder Moleküle zu "verwandeln", um Trigonometrie beziehungsweise Chemie zu lernen.

Zu Selbstverwandlung verleitet nicht nur der Narzissmus junger (und nicht mehr ganz junger) Gemüter oder das Urbedürfnis nach Körperbeherrschung. Wie großzügig die Evolution auch sonst mit uns Menschen verfahren sein mag, bei den potentiellen Ausdrucksmitteln blieb sie recht knauserig. Man vergleiche uns nur mit dem Thaumoctopus mimicus (dem sogenannten "Karnevalstintenfisch"), der sich in alle möglichen Meerestiere und Objekte verwandeln und seine Haut vielfältig verfärben kann. Eine fortgeschrittene Zivilisation von Kopffüßern dürfte zwar Wörter entwickeln, wie auch wir sie kennen, aber wahrscheinlich nur als Zusatz zu einer natürlichen Form der postsymbolischen Kommunikation.

Wir brauchen Gesellschaften mit Vielfalt an Erfolgswegen

Wir Menschen können kaum etwas in der Welt schnell genug kontrollieren, um mit unseren Gedanken und Empfindungen Schritt zu halten: Die Finger und die Zunge kommen gerade so mit. Sprachliche Symbole sind ein Trick (was Programmierer als "Hack" bezeichnen), der die Reichweite kleiner Zusatzmodule so ausdehnt, dass sie alles einbeziehen, was wir nicht sofort werden oder erschaffen können.

Wenn wir schon einmal beim Beichten unbeweisbarer Überzeugungen sind, hier eine weitere: Die Psychologie und Soziologie der folgenden Generationen werden dadurch geprägt sein, die genetischen Hintergründe des Hackordnungsverhaltens, der Gruppenphantasien und der Clan-Identifikation mit den einschlägigen Feindseligkeiten zu erforschen – wobei sich herausstellen dürfte, dass wir diese Charakterzüge des Menschen nicht austilgen oder steuern können, ohne andere geliebte Eigenschaften wie die Kreativität zu verlieren.

Falls diese düstere Vermutung zuträfe, bestünde das probate Überlebensmittel darin, Gesellschaften mit einer großen Vielfalt an Erfolgswegen und zahlreichen sich überschneidenden und miteinander verflochtenen Clans und Hackordnungen zu schaffen, so dass, aus gleichermaßen gültigen Einzelperspektiven, alle sich als Sieger betrachten können.

Als das amerikanische Experiment am besten funktionierte, hatte es sich diesem Grad an Vielfalt angenähert. Die virtuellen Welten der postsymbolischen Kommunikation könnten jenes Höchstmaß an Vielfalt bieten, das wir benötigen, um mit dem gefährlichen psychischen Erbe umzugehen, das offenbar auf unserer Spezies lastet.

Die mir vorschwebenden Zukunftsvisionen würden auch das Programmierungsproblem lösen. Wenn Kinder vollends verwirklichte Geschöpfe ausatmen können, wie sie heute Sätze bilden, so muss es Programme geben, die nicht abstürzen, wunderbar flexibel und schnell sind, dabei aber frei von einengenden Voreinstellungen (was nur auf eine Wiederbelebung der Symbolik hinausliefe). Kann es solche Programme geben? Ah! Eine weitere Überzeugung. Ich vermute, dass es sie geben kann, jedoch nicht in absehbarer Zeit. Die einzigen bisher bekannten Beispiele für gute Programme sind die Evolution und das Gehirn, und da beide ziemlich hohe Qualität bieten, sollten wir uns nicht entmutigen lassen.

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