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Wissenschaft

Fossilienfund in Japan

50 Millionen Jahre alter Fischschwarm entdeckt

In einem Museum in Japan hat ein Forscher eine Kalksteinplatte entdeckt, deren Bedeutung bisher übersehen wurde: Sie zeigt einen Schwarm Fische - und beantwortet eine interessante Frage.

Mizumoto et al./ The Royal Society

Fossiler Fischschwarm

Dienstag, 04.06.2019   16:48 Uhr

Das Leben im Schwarm zusammen mit Artgenossen bietet Fischen Vorteile. In der Masse schwimmen sie vor Feinden gut geschützt. Räubern fällt es schwerer, sich bei einem großen Angebot an Nahrung auf ein einziges Tier zu konzentrieren - das erhöht die Überlebenschance einzelner.

Evolutionsforscher interessiert schon länger, wie Fische sich zu Schwärmen formierten. Zumindest wissen sie, welche Mechanismen dabei heute eine Rolle spielen: Jedes Tier orientiert sich im Schwarm an seinen Nachbarn in unmittelbarer Umgebung und hält stets den gleichen Abstand zu ihnen ein. Wechselt ein Tier die Richtung oder das Tempo, passen sich die anderen an und eine Art Kettenreaktion wird ausgelöst, die sich nach und nach auf den ganzen Schwarm überträgt. So ein Verhalten haben Forscher auch schon bei Vogelschwärmen beobachtet.

Nur wann sich Tiere erstmals zu Schwärmen formierten, ist weitgehend unklar. Fossilien haben bisher kaum Belege für Schwarmverhalten geliefert. Dazu hätte es auch eines ausgesprochen großen Zufalls bedurft: dass in der Urzeit beispielsweise gleich ein ganzer Fischschwarm auf einmal dahingerafft und in geologischen Erdschichten konserviert wurde.

Doch eine neue Studie zeigt, dass genau das passiert sein könnte.

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Die Entdeckung hatte Nobuaki Mizumoto von der Arizona State University gemacht, als er 2016 in der japanischen Stadt Katsuyama ein Museum besuchte. Dort fand er zunächst ein Foto, das seine Aufmerksamkeit erregte. Es zeigte eine gräuliche Kalksteinplatte von etwa einem halben Meter Breite und einer Höhe von knapp 40 Zentimetern. Auf ihr sind die fossilen Überreste von 259 kleinen Fischen zu erkennen.

Die Aufnahme zeigte den Fund, der in dem Museum aufbewahrt wird. Aber bisher hatte offenbar niemand die Relevanz der Entdeckung erkannt. Denn die Tiere schwammen offenbar alle in dieselbe Richtung, wie es für einen Schwarm typisch ist, berichtet der Forscher in der Fachzeitschrift "Proceedings of the Royal Society B".

Bei den Fischen handelte es sich um die ausgestorbene Art Erismatopterus levatus, ergaben Untersuchungen. Die Platte wurde wohl in der Green-River-Formation im US-Bundesstaat Wyoming gefunden. Diese Gesteinsformation stammt aus dem Eozän, die Platte ist etwa 50 Millionen Jahre alt.

Mizumoto et al./ The Royal Society

Detailansicht des fossilen Fischschwarms

Laut Mizumoto zeigt der Fund, dass Fische mindestens seit dieser Zeit damit begonnen haben, in Schwärmen zu schwimmen. Außerdem könnte das Fischfossil schon ein Beleg für die typische Verhaltensweise im Schwarm gewesen sein. Denn die Tiere hielten etwa den gleichen Abstand zueinander, zeigte eine Positionsanalyse. Sie könnten sich also bereits an ihren Nachbarn orientiert haben. Und etwa von einer plötzlich kollabierenden Sanddüne im flachen Gewässer mit einem Mal verschüttet worden sein.

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Ganz sicher ist das aber nicht. Denn dann müssten die Tiere auf der Platte in denselben Abständen konserviert worden sein, wie sie im Augenblick ihres Todes miteinander schwammen.

Ob der Schwarm aber gewissermaßen dreidimensional eingefroren und in seiner Originalkonstellation erhalten geblieben ist, darüber könne nur spekuliert werden, sagte etwa der Paläontologe Michael Benton der "New York Times". Der Experte von der University of Bristol glaubt zwar, dass es sich um einen frühen Nachweis eines Fischschwarms handele.

Aber ob dieser auf der Platte in denselben Abständen konserviert wurde, wie er zuletzt im Wasser schwamm, sei nur schwer zu beantworten. Genauso gut könnten die Tiere auf dem Grund des Gewässers, in dem sie einst schwammen, noch einmal durcheinander gewirbelt worden sein oder in kurzen, zeitlichen Abständen zu Boden gesunken sein.

joe

insgesamt 16 Beiträge
vitalii_anufriiev 04.06.2019
1.
Ich habe kürzlich das Sapience-Buch Yuval Noah Harari gelesen und habe immer noch den Eindruck, wie viel Zeit in Geschichte und Wissenschaft verbracht wird. Es ist nicht verwunderlich, dass Wissenschaftler die Struktur des [...]
Ich habe kürzlich das Sapience-Buch Yuval Noah Harari gelesen und habe immer noch den Eindruck, wie viel Zeit in Geschichte und Wissenschaft verbracht wird. Es ist nicht verwunderlich, dass Wissenschaftler die Struktur des Tierlebens mit dem menschlichen Leben vergleichen. Aber ich selbst habe jetzt unter https://writingmetier.com/article-writing-service/ einen großen Artikel bestellt, in dem ich meine Eindrücke über die neuesten Entdeckungen von Wissenschaftlern teile.
bafibo 04.06.2019
2. Fast alles daran ist nicht zwingend
Die Fische sind annähernd gleichzeitig zu Tode gekommen - okay. Aber am Boden kann durchaus eine Strömung dafür sorgen, daß sie sich in gleicher Richtung ausrichten, und die Abstände sind durch die Dimensionen der Fischleiber [...]
Die Fische sind annähernd gleichzeitig zu Tode gekommen - okay. Aber am Boden kann durchaus eine Strömung dafür sorgen, daß sie sich in gleicher Richtung ausrichten, und die Abstände sind durch die Dimensionen der Fischleiber vorgegeben (als modernes Beispiel stelle man sich eine Orangenpyramide vor). Und daß ein Fischschwarm (oder mindestens ein Teil davon) von einer zusammenbrechenden Sanddüne (genauer von einer Unterwasserlawine [Turbidit]) verschüttet werden kann, ist schwer zu glauben. Ablagerungen solcher Ereignisse enthalten üblicherweile keine Fossilien schwimmfähiger Organismen.
syracusa 04.06.2019
3.
Was für ein Ereignis könnte denn einen Fischschwarm beim Schwimmen dreidimensional "einfrieren"? Ich halte es eher für wahrscheinlich, dass die schwarmähnliche Ausrichtung der Fischkörper nur eine zufällige Folge [...]
Was für ein Ereignis könnte denn einen Fischschwarm beim Schwimmen dreidimensional "einfrieren"? Ich halte es eher für wahrscheinlich, dass die schwarmähnliche Ausrichtung der Fischkörper nur eine zufällige Folge von Strömung und Fischform ist. Alleine die große Zahl gleichartiger Fische weist auf einen Schwarm hin, aber auch das kann Zufall sein.
pickup9 04.06.2019
4. "Angelandet"
Es kann durchaus sein dass der ganze Schwarm durch eine Welle auf das Ufer gespült wurde und dann dort zappelnd verendete. Das ist natürlich nichts "eingefroren" worden. Das erklärt aber immerhin die Gleichartigkeit [...]
Es kann durchaus sein dass der ganze Schwarm durch eine Welle auf das Ufer gespült wurde und dann dort zappelnd verendete. Das ist natürlich nichts "eingefroren" worden. Das erklärt aber immerhin die Gleichartigkeit der Fische, die noch kurz vorher beieinander gewesen sind. Eine solche Welle kann durch alles mögliche ausgelöst worden sein. Mir drängte sich sogleich das Verhalten von einigen Delphinen auf, die durch koordinierte Schwimmbewegungen eine Welle erzeugen, durch die Fische an Land gespült werden und die sie dort dann vom Strand pflücken, Wie gesagt, nur der Auslöser für die Entstehung der Ablagerung, nicht sine Erklärung.
Karla Winterstein 04.06.2019
5. Das halte ich eher für unwahrscheinlich
Dieses Szenario würde voraussetzen, dass es damals am Ufer keine Räuber gab, so dass sich niemand um die gestrandeten Fische "kümmerte".
Zitat von pickup9Es kann durchaus sein dass der ganze Schwarm durch eine Welle auf das Ufer gespült wurde und dann dort zappelnd verendete. Das ist natürlich nichts "eingefroren" worden. Das erklärt aber immerhin die Gleichartigkeit der Fische, die noch kurz vorher beieinander gewesen sind. Eine solche Welle kann durch alles mögliche ausgelöst worden sein. Mir drängte sich sogleich das Verhalten von einigen Delphinen auf, die durch koordinierte Schwimmbewegungen eine Welle erzeugen, durch die Fische an Land gespült werden und die sie dort dann vom Strand pflücken, Wie gesagt, nur der Auslöser für die Entstehung der Ablagerung, nicht sine Erklärung.
Dieses Szenario würde voraussetzen, dass es damals am Ufer keine Räuber gab, so dass sich niemand um die gestrandeten Fische "kümmerte".

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