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Wissenschaft

Satellitenbild der Woche

Hier schmilzt Grönland

Ende Juli zog eine gewaltige Hitzewelle über Europa. Wenige Tage später erreichten die heißen Luftmassen die Arktis und brachten auf Grönland das Eis zum Tauen, wie Satellitenauswertungen zeigen.

NASA

Pfützen im Grönlandeis: Milliarden Tonnen Schmelzwasser strömten Ende Juli in den Atlantik

Montag, 12.08.2019   08:37 Uhr

42,5 Grad Celsius - so heiß war es in Deutschland vor dem 25. Juli 2019 noch nie. Gemessen wurde die Temperatur in Lingen im Emsland. Das Hitze-Ereignis war Teil einer Serie von neuen Temperaturrekorden in Europa. In Belgien und den Niederlanden stiegen die Thermometer erstmals auf mehr als 40 Grad Celsius.

Verantwortlich für das warme Wetter war unter anderem ein heißer Luftstrom aus der Sahara, der sich über Europa festgesetzt hatte (mehr dazu lesen Sie hier). Diese Luftmassen zogen Ende Juli weiter und erreichten am 29. und 30. des Monats den hohen Norden. In der Arktis brachten sie gewaltige Eismassen zum Schmelzen, wie Datenauswertungen und ein Satellitenbild der Nasa verdeutlichen.

Dass die Arktis im Sommer taut, ist nicht ungewöhnlich. Doch in diesem Jahr erreichte die Ausdehnung des Meereises an einzelnen Juli-Tagen und für den gesamten Monat ein Rekordtief, berichtet das amerikanische National Snow & Ice Data Center (NSIDC).

National Snow and Ice Data Center

Ausbreitung des Meereises im Juli 2019 im Vergleich zum Durchschnitt der Jahre 1981 bis 2010

Im Schnitt waren im Juli 2019 demnach 7,59 Millionen Quadratkilometer Fläche in der Arktis mit Eis bedeckt. Das sind 80.000 Quadratkilometer weniger als beim vorherigen Juli-Rekordtief aus dem Jahr 2012 und 1,88 Millionen Quadratkilometer weniger als im langjährigen Mittel von 1981 bis 2010 (siehe Grafik oben). Jeden Tag gingen im Durchschnitt 105.700 Quadratkilometer Eis verloren. In den Jahren 1981 bis 2010 waren 86.800 Quadratkilometer pro Tag üblich.

Auch auf Grönland schmolzen im Juli gewaltige Massen Eis. Zwischen dem 30. Juli und 3. August erreichten 90 Prozent der Eisoberfläche den Schmelzpunkt, berichtet das NSIDC. Schätzungsweise 55 Milliarden Tonnen Eis flossen dahin. Das seien 40 Milliarden Tonnen mehr als im gleichen Zeitraum der Jahre 1981 bis 2010, so die Forscher.

Grönland-Schmelzwasser lässt Meeresspiegel steigen

Die Satellitenaufnahme ganz oben zeigt Schmelzwasser, das sich am 30. Juli, auf dem Höhepunkt der Hitze, auf der tauenden Eisfläche Grönlands gesammelt hat - gut zu erkennen am hellen Blau. Der Nasa-Erdbeobachtungssatellit "Landsat 8" hat das Bild im Nordwesten Grönlands in der Nähe der Eiskante aufgenommen. Es zeigt die Region in natürlichen Farben.

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Das Grönlandeis taut im Sommer üblicherweise vor allem an den Rändern der Eisfläche. Diesmal waren am 30. und 31. Juli jedoch fast eine Million Quadratkilometer betroffen - die Schmelze war damit deutlich stärker als im langjährigen Juli-Durchschnitt. Zuvor gab es ein ähnlich heftiges Ereignis im Sommer 2012. Damals taute sogar 97 Prozent der Eisfläche auf der Insel an.

Besonders problematisch dabei: Das grönländische Schmelzwasser trägt direkt zum Anstieg des Meeresspiegels bei. Denn im Gegensatz zum Schelfeis der Arktis, das bereits auf dem Meer schwimmt und Wasser verdrängt, erhöht das Eis, das vom Festland ins Meer fließt, die Wassermenge im Meer. So trug die Schmelze in der Arktis im Juli 0,5 Millimeter zum Meeresspiegelanstieg bei.

NASA

Lufttemperatur am 30 Juli im Vergleich zur Vorwoche vom 20. bis 26. Juli

Die Karte oben zeigt, wie stark die Temperatur in Grönland am 30. Juli über dem Durchschnitt der Vorwoche vom 20. bis 26. Juli lag. Auffällig ist, dass sich die wärmsten Luftmassen im Zentrum der Landmasse festgesetzt hatten. Hier lag die Temperatur mehr als acht Grad höher als im Vergleichszeitraum. Auch deshalb war die Schmelze so extrem.

Das Ausmaß der Hitzewelle verdeutlichen außerdem die Werte einer Messstation, die auf dem höchsten Punkt, inmitten der Insel sitzt. Temperaturen über 0 Grad Celsius werden dort so gut wie nie gemessen. Doch am 30. Juli lagen sie für elf Stunden auf oder über dem Gefrierpunkt. Das ist fast zweimal länger, als während der letzten großen Schmelze am 11. Juli 2012.

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Satellitenbild der Woche: Schnappschüsse aus dem All

Das aktuell nicht mehr Eis geschmolzen ist, liegt laut Nasa unter anderem daran, dass die warme Luft Grönland in diesem Jahr von Osten erreicht hat, 2012 kam sie von Westen. Dadurch haben sich die Luftmassen etwas anders über der Insel verteilt. Noch ist der Sommer allerdings nicht vorbei.

Während die Schmelze in der Arktis vor Beginn der Zweitausender Anfang August üblicherweise deutlich abnahm, taute das Eis in den folgenden Jahren immer wieder auch bis in den August oder September hinein - auch in diesem Jahr ist das der Fall.

Am 5. August 2019 waren nicht mal mehr sechs Millionen Quadratkilometer der Arktis mit Eis bedeckt - noch einmal gut 1,5 Millionen Quadratkilometer weniger als im Juli. Das NSIDC rechnet damit, dass das Eis der Arktis bis September 2019 noch so stark zurückgehen wird, dass das Jahr mindestens auf Platz fünf der Negativ-Rekordliste landet.

jme

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