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Wissenschaft

Pilot über Wetterphänomene

"Hindurchfliegen? Auf keinen Fall"

Aus seinem Cockpit macht der Pilot Santiago Borja betörend schöne Fotos von Wetterphänomenen. Dieser Faszination hat er einen Bildband gewidmet. Hier spricht er über die Unberechenbarkeit des Wetters und dessen Einfluss auf die Fliegerei.

Santiago Borja
Ein Interview von
Freitag, 19.04.2019   11:32 Uhr

SPIEGEL ONLINE: Herr Borja, sind Sie fotografierender Pilot oder eher fliegender Fotograf?

Borja: Beides. Meinen Lebensunterhalt verdiene ich aber als Pilot. Zum Glück! Die Fotografen, die ich kenne, klagen immer, wie schwierig es heute ist, als Fotograf seine Existenz zu sichern.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt man darauf, ein Buch über Fotos von Stürmen und Gewittern zu veröffentlichen?

Borja: In meinem Fall muss ich sagen: durch Zufall. Ich hatte im Lauf der Jahre viele Fotos aus dem Cockpit aufgenommen und fand sie schön. Mir war aber nicht bewusst, dass sie so besonders sind. Als mich eines Tages ein Verleger anschrieb und fragte, ob ich ein Buch veröffentlichen wolle, habe ich das anfangs nicht ernst genommen. Ich bin kein professioneller Fotograf und hatte noch nie ein Buch veröffentlicht, außerdem ist der Markt für derartige Fotobände in Lateinamerika überschaubar. Dann schickte er mir einen Stapel von Bildbänden aus seinem Verlag, große, beeindruckende Bücher. Da erst merkte ich, dass das für ihn kein Scherz war.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist der Verlag auf Sie aufmerksam geworden?

Borja: Ich bin ein großer Fan von "National Geografic" und bei der Fotocommunity des Magazins registriert. Dort habe ich hin und wieder Bilder veröffentlicht. Das Coole dabei ist, dass die Redakteure des Magazins die Bilder sichten, kommentieren und ihre Lieblingsaufnahmen veröffentlichen. Eines Tages wurde ein Bild von mir herausgepickt. Es zeigte einen Sturm mit einer sehr speziellen Wolkenformation, den ich aus dem Cockpit heraus aufgenommen hatte. Ich habe mich über die Kommentare gefreut und das Bild zusätzlich auf Twitter veröffentlicht. Dann habe ich es, ehrlich gesagt, vergessen. Es vergingen ein paar Monate, in denen das Bild, von mir unbemerkt, viral in verschiedenen Facebook-Gruppen zur Thematik Meteorologie verbreitet wurde. Irgendwann kontaktierte mich ein Redakteur der "Washington Post" und fragte, ob er das Bild auf der Facebook-Seite der Zeitung veröffentlichen kann. Später gab es dazu noch einen Artikel in der Online- und Printausgabe.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Foto hat ohne Sie Karriere gemacht.

Borja: Das kann man so sagen.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch zeigen Sie nicht nur schöne Bilder. Die Texte dazu vermitteln dem Betrachter auch viel grundsätzliches Wissen über Wetter und die verschiedenen Wolkenarten. Welches Verhältnis haben Sie als Pilot zum Wetter?

Borja: Es fasziniert mich schon lange. Die Luftfahrt versucht seit jeher, alles möglichst sicher zu machen, sie strebt nach der maximalen Risikokontrolle. Wetter ist eines der wenigen Dinge in der Luftfahrt, die wir noch nicht vollständig verstehen und schon gar nicht kontrollieren können. Wir erforschen Wetter mit Supercomputern, berechnen meteorologische Modelle, gleichzeitig haben wir viele Zusammenhänge noch nicht verstanden. Ich habe beispielsweise einmal ein Foto von einem Sturm über Panama City gemacht, der dort so in der Form eigentlich gar nicht hätte entstehen dürfen. Danach bin ich von verschiedenen Meteorologen kontaktiert worden, die nicht glauben konnten, wo das Bild entstanden ist.

SPIEGEL ONLINE: Klingt nicht gerade vertrauenerweckend.

Borja: So war das nicht gemeint. Uns Piloten und auch den Passagieren droht heutzutage vom Wetter kaum Gefahr. Wir verstehen zwar nicht alle Zusammenhänge, aber wir wissen, wo gefährliche Wetterlagen auf unserer Flugroute lauern und werden rechtzeitig und weiträumig umgeleitet.

Preisabfragezeitpunkt:
25.05.2019, 17:50 Uhr
Ohne Gewähr

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Verlag:
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Seiten:
160
Preis:
EUR 28,97

SPIEGEL ONLINE: Als Fotograf bedauern Sie diese Umleitungen bestimmt. Würden Sie nicht lieber näher heran- oder sogar hindurchfliegen?

Borja: Hindurchfliegen möchte ich auf keinen Fall. In derartigen Wolken herrschen so extreme Auf- und Abwinde - nein, danke. Und näher heran eigentlich auch nicht. Die Schönheit besteht je gerade in dem Blick aus der Ferne. Stürme oder die Wolken, die sie auszeichnen, kann ich auch aus einer Entfernung von 40 Kilometern wunderbar betrachten. Man kann es am besten mit einem Sonnenuntergang vergleichen: Der sieht von Weitem auch wunderschön aus, aber niemand kommt auf die Idee oder verspürt den Drang, in die Sonne hineinzufliegen.

SPIEGEL ONLINE: Wurden Sie noch nie vom Wetter überrascht?

Borja: Doch sicher! Wie vermutlich fast alle Piloten. Was uns immer wieder unangekündigt ereilt, sind sogenannte Elmsfeuer. Manche Wolken tragen sehr viele Wasserteilchen in sich und sind entsprechend elektrisch aufgeladen. Wenn das Flugzeug dann hindurchfliegt, entlädt sich die Spannung in kleinen Blitzen an der Flugzeughülle. Dann tanzen zwanzig Zentimeter vor unseren Augen kleine Blitze über die Cockpitfenster. Das Phänomen ist gut dokumentiert, es gibt etliche Videos davon - und doch ist es jedes Mal wieder spektakulär und überraschend, wenn es passiert.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie schon mal einen Blitzeinschlag im Flugzeug erlebt?

Borja: Ja, bestimmt vier oder fünfmal. Zum Glück wirkt das Flugzeug wie ein Faraday’scher Käfig, es droht also keine Gefahr. Aber laut ist es. Es hört sich an, wie der Knall bei einem Autounfall. Ich erschrecke mich jedes Mal, aber ich lache auch jedes Mal darüber, dass ich mich erschrecke.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eine Lieblingswolkenform?

Borja: Kumulonimbus-Wolken, die sich kilometerhoch auftürmen, finde ich schon beeindruckend. Wobei mich weniger einzelne Wolkenformationen faszinieren, sondern eher allgemein Landschaften, die sich aus Wolken ergeben, das Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Über großen Inseln, wie Kuba, stehen beispielsweise an manchen Tagen die Wolken über dem Land, als hätte man mit einem Messer den Umriss der Insel ausgeschnitten. Das ist im Prinzip Schulwissen: wie Landmassen die Bildung von Wolken beeinflussen. Und dann sieht man das so vor sich, in einer so reinen, klaren Form, wie Land und Luft zusammenhängen. Das ist einfach überwältigend.

SPIEGEL ONLINE: Ist es Ihnen eigentlich gestattet, während des Flugs zu fotografieren?

Borja: Meine Airline hat damit kein Problem. Es ist nicht verboten, derartige Regularien gibt es nicht, zumindest nicht von den Luftfahrtbehörden. Natürlich steht es jeder Fluglinie frei, ihren Piloten eigene Regeln vorzuschreiben, und manche Airlines sehen das nicht gern. Aber es geht da weniger um die Sicherheit. Bei einem 12-Stunden-Flug sitze ich ja auch nicht permanent am Steuerknüppel, sondern gehe auf die Toilette, esse etwas, habe meine Ruhepausen. In kritischen Phasen des Fluges wie Start und Landung würde ich nie auf die Idee kommen, mich mit meiner Kamera zu beschäftigen.

SPIEGEL ONLINE: Wird sich Ihre Faszination für Wolken jemals abnutzen?

Borja: Ich habe mich das tatsächlich gefragt. Sobald die Emotion des ersten Eindrucks verflogen ist, neigen wir Menschen ja dazu, so ziemlich alles irgendwann langweilig zu finden. Bei mir und den Wolken glaube ich aber nicht, dass das geschieht. Ich fliege für eine vergleichsweise kleine Airline, es gibt im Wesentlichen zwei Routen für mich. Ich habe darauf bestimmt schon zweihundertmal den Atlantik überquert. An Tagen ohne Wolken gleicht sich die Optik natürlich, die Faszination dieses Anblicks hat sich schnell gelegt. Aber sobald Wolken im Spiel sind, verspüre ich die gleiche Faszination wie beim ersten Mal. Weil es nie das gleich Szenario ist, sondern immer ein neuer Anblick.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie ein Lieblingsbild, was ist Ihre Trophäe?

Borja: Ich habe zwei. Eins ist auf dem Cover des Buchs, es zeigt einen gigantischen Blitz. Normalerweise sieht man Blitze nicht, sie entladen sich im inneren der Wolken und sind dann von oben oder außen nur als diffuses Leuchten zu sehen. Ich hatte Glück, dieser Blitz entlud sich von einer Wolke zur anderen. Für mich ist es ein perfektes Bild, aus fotografischer Perspektive. Mein anderes Lieblingsbild ist das Bild, das ohne mich Karriere gemacht hat. Es ist ein schönes Bild, aber es ist auch viel mehr. Es hat mir unglaublich viele bemerkenswerte und schöne Momente ermöglicht, von denen ich vorher nie gedacht hätte, dass ich sie erleben würde. Es hat mich mit Menschen in Kontakt gebracht, mir Wissen beschert, mein Leben verändert.

insgesamt 11 Beiträge
jutta_weise 19.04.2019
1. Wunderschön beeindruckend!
ich liebe Wolken. Wohne in einem kl. Dorf auf einer Anhöhe und habe einen grandiosen, offenen Blick gen Westen. Und ich sehe mich nie satt an den Wolkenformationen die ich seit 5J. dort beobachten kann. Das wird nie langweilig. [...]
ich liebe Wolken. Wohne in einem kl. Dorf auf einer Anhöhe und habe einen grandiosen, offenen Blick gen Westen. Und ich sehe mich nie satt an den Wolkenformationen die ich seit 5J. dort beobachten kann. Das wird nie langweilig. Besonders an schönen, sonnigen Tagen wenn sich ein Gewitter ankündigt. Das Spiel zwischen der sich versteckenden Sonne, dunkle und helle Wolken, einfach traumhaft. Davon konnte ich auch schon hunderte von Fotos machen. Als Pilot ist die Perspektive natürlich grandioser! Tolle Fotos.
tempus fugit 19.04.2019
2. Wer mal Deltadrachen geflogen ist, oder Gleitschirm...
...weiss im Kleinen aber heftig was einen 'in der Luft' erwarten kann und welche Risiken dabei auftreten - man sieht und hört atmosphärische Bewegungen kaum - und der Flug in heftigen Aufwinden unter Kumuluswolken können [...]
...weiss im Kleinen aber heftig was einen 'in der Luft' erwarten kann und welche Risiken dabei auftreten - man sieht und hört atmosphärische Bewegungen kaum - und der Flug in heftigen Aufwinden unter Kumuluswolken können tragisch enden... Saugen unten an und werfen oben eiskalt wieder raus - wer's überlebt...
ablage_p 19.04.2019
3. Welches Foto?
Welches Foto hat ohne den Fotografen Karriere gemacht? Geht aus dem Artikel nicht genau hervor.
Welches Foto hat ohne den Fotografen Karriere gemacht? Geht aus dem Artikel nicht genau hervor.
Alter Haase 19.04.2019
4. Sehr gut
Ich war als Flugkapitän von 1974 bis 2014 weltweit unterwegs. Vor den Gewittern über Afrika und Südamerika hatte ich sehr großen Respekt. Einmal mußte ich ca. 200 NM vom Kurs abweichen, um die Gewitter zu umfliegen. Weiterhin [...]
Ich war als Flugkapitän von 1974 bis 2014 weltweit unterwegs. Vor den Gewittern über Afrika und Südamerika hatte ich sehr großen Respekt. Einmal mußte ich ca. 200 NM vom Kurs abweichen, um die Gewitter zu umfliegen. Weiterhin viel Spass und Hals-und Beinbruch. Grüße aus Peine
eurosinga 19.04.2019
5. Faszinierende Bilder
und von beeindruckender Schönheit. Ich liebe es, Wolkenformationen und deren ständige Veränderung zu betrachten, besonders bei heraufziehendem Gewitter. Spannender als die meisten Krimis. Wie langweilig ist dagegen 'blauer [...]
und von beeindruckender Schönheit. Ich liebe es, Wolkenformationen und deren ständige Veränderung zu betrachten, besonders bei heraufziehendem Gewitter. Spannender als die meisten Krimis. Wie langweilig ist dagegen 'blauer Himmel', auch wenn dieser durch die Werbung der Tourismusbranche als Kennzeichen des 'idealen' Wetters dargestellt wird.

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