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Wissenschaft

Citizen Science

Wie aus Bürgern Wissenschaftler werden

Auch ohne Doktortitel können Menschen die Wissenschaft voranbringen. Wer bei Citizen-Science-Projekten mitmacht, kann sich seinen Forschungsbereich aussuchen - und manchmal sogar Wale beobachten.

Hugh Rose

Die Flosse des Buckelwals AHWC-7328, aufgenommen in Cierva Cove an der Westseite der Antarktischen Halbinsel

Von Dörte Nohrden
Sonntag, 03.03.2019   09:56 Uhr

"Wal voraus!", tönt es durch den knarzenden Bordlautsprecher. Ein dunkler Rücken erhebt sich aus dem Südpolarmeer, eine meterhohe Fontäne schießt gen Himmel - dann taucht der Buckelwal mit erhobener Schwanzflosse wie in Zeitlupe wieder ab. Kameras klicken und halten den berührenden Moment fest.

"Die schwarz-weiß gemusterte Schwanzflosse mit seinen zerfurchten Rändern und Narben ist so einzigartig wie ein Fingerabdruck", erklärt Biologe Ted Cheeseman, der seit mehr als 20 Jahren im Familienunternehmen Expeditionskreuzfahrten in die Antarktis veranstaltet. Der Schnappschuss ist daher auch viel mehr als eine Urlaubserinnerung, denn um die Fingerabdrücke der Wale geht es hier eigentlich. Der 45-jährige Kalifornier, ehemaliges Vorstandsmitglied der Association of Antarctic Tour Operators (IAATO) gründete vor dreieinhalb Jahren die Web-Applikation "Happywhale".

Mit ihr helfen Touristen weltweit bei der Registrierung und Identifikation von Walen. Cheeseman und rund 35 weitere ehrenamtliche Mitarbeiter können mit den Daten dann etwa Wanderungsbewegungen der Tiere ermitteln, oder feststellen, wie sie Verletzungen überstanden haben. Zwischen den einzelnen Aufnahmen liegen mal drei Tage, mal 40 Jahre. Diese große Zeitspanne machen auch Fotos möglich, die aus Archiven in die Datenbank integriert wurden.

"Happywhale" ist ein sogenanntes Citizen Science-Projekt. Vor einigen Jahren kam dieser Begriff erstmals auf und schaffte es 2014 auch offiziell ins Oxford English Dictionary. Als Erklärung findet man dort: "Wissenschaftliche Arbeit, übernommen von der allgemeinen Öffentlichkeit, oft in Zusammenarbeit mit Wissenschaftsinstituten."

Oft stehen am Anfang solcher Projekte aber auch engagierte Bürger, die in ihren Interessensgebieten etwas bewegen wollen oder plötzlich erkennen, dass ihr privat gesammeltes Wissen auch der professionellen Forschung helfen könnte. Ted Cheeseman hatte sein Schlüsselerlebnis im Jahr 2004: "Damals war ich zum ersten Mal mit einer Digitalkamera in der Antarktis unterwegs und fotografierte die Fluke eines Buckelwals mit einer markanten Verletzung. Als wir kurz darauf mit dem Schiff an der US-amerikanischen Palmers Forschungsstation vor Anker gingen, hing dort unerwartet ein Foto des identischen Wals", erinnert sich Cheeseman, "ich konnte es ja mit der Digitalkamera sofort vergleichen". Für ihn ist dieser Wal, Nummer AHWC-3155, bis heute ein besonderer geblieben.

Dieses Gefühl möchte er auch Urlaubern vermitteln. Wurde "ihr Wal" identifiziert, wird der User bei weiteren Sichtungen auf dem Laufenden gehalten. "Durch diese Belohnung erleben Touristen ihre Reise viel intensiver und fühlen sich mit einem Individuum verbunden", so Cheeseman.

"Über 3500 User haben mittlerweile mehr als 138.000 Fotos hochgeladen", sagt Cheeseman. "Wissenschaftler könnten dies allein niemals leisten und es hat sich klar gezeigt, dass jeder einzelne valide Daten zur Forschung beisteuern kann, gerade an entlegenen Orten." Um möglichst viele Urlauber zu erreichen, kooperiert er mit der IAATO; die Hurtigruten Foundation unterstützte das Projekt finanziell.

"Durch die Digitalisierung werden bürgerwissenschaftliche Projekte immer stärker verbreitet und vernetzt", sagt Wiebke Brink. Die Berlinerin ist Projektleiterin der zentralen deutschen Citizen Science Plattform "Bürger schaffen Wissen". Das Gemeinschaftsprojekt von "Wissenschaft im Dialog" und dem Berliner Naturkundemuseum wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Seit 2014 online, sind mittlerweile 120 Projekte unterschiedlichster Disziplinen auf der Seite verzeichnet.

Mitmachen

Auf der Plattform "Bürger schaffen Wissen" können Bürger aus mehr als 120 Projekte wählen. Mit der App "Clusterkopfschmerzen erforschen" eigene medizinische Daten beitragen, mittels "Hush City" ruhige Plätze in Städten markieren oder in "Verlust der Nacht" die Lichtverschmutzung dokumentieren.

Die internationale Plattform "Zooniverse", gegründet 2007, zählt zu den Citizen Science Online-Pionieren und listet derzeit 96 Projekte aus Astronomie, Natur, Klima, Geschichte oder auch Literatur, wie etwa das Projekt "Shakespeare's World". Dabei können Bürger helfen, historische, handgeschriebene Dokumente zu transkribieren. Im Februar 2014 verzeichnete Zooniverse eine Million Mitglieder. Heute sind es bereits 1,6 Million.

Das Ziel jedes Projektes sei es, die gesammelten Daten für die Forschung zu nutzen und öffentlich zugänglich zu machen. "Bürgerinnen und Bürger, ja sogar Kinder können valide Daten liefern", sagt Brink. Herausragend sei etwa das Projekt "Plastikpiraten - Das Meer beginnt hier!". Bis heute dokumentierten mehr als 9000 Jugendliche das Plastikmüllaufkommen an und in deutschen Flüssen. "Gerade wurde eine wissenschaftliche Studie mit den Daten aus 2016 und 2017 im Fachjournal 'Environmental Pollution' veröffentlicht", freut sich Wiebke Brink.

"Auch international gibt es zunehmend zentrale Citizen Science-Landesplattformen, wie in Österreich, der Schweiz, den Niederlanden oder Dänemark", sagt Brink. Besonders aktiv seien Menschen in Großbritannien, den USA und Australien, wo etwa der nationale "Atlas of Living Australia" entstand. Dank 45.000 engagierter User konnten darin bereits 124.055 Arten registriert werden.

Eine Erfolgsgeschichte schreibt auch die European Citizen Science Association (ECSA) mit Hauptsitz am Berliner Naturkundemuseum. Unter dem Dach des internationalen, 2014 gegründeten Vereins bündeln sie zahlreiche Projekte, die durch EU-Gelder unterstützt werden. Katrin Vohland, Leiterin des Forschungsbereichs Museum und Gesellschaft, erklärt: "Für die EU-Länder haben Bürgerwissenschaften interessanterweise jeweils eine unterschiedliche Bedeutung. In Deutschland geht es vor allem um gute Datenqualität, in Osteuropa vor allem auch um einen Demokratisierungsprozess, um den Zugang zu Informationen jenseits von Kontrollinstanzen".

Citizen Science höre allerdings da auf, wo Fachexpertise Voraussetzung bleibt - oder bestimmte Geräte oder Labore vonnöten sind, erklärt sie. Grundsätzlich erhalte die Wissenschaft durch die Daten unglaublich wertvolles Material, und dies ganz umsonst. "Die Arbeit der Freiwilligen bedarf also entsprechend hoher Wertschätzung."


Zusammengefasst: Citizen Science lag 2014 hoch im Trend. Wohin haben sich Bürgerwissenschaften entwickelt? Kann die breite Bevölkerung wirklich valide Daten liefern, indem sie Vögel zählt, Feinstaub oder Lichtverschmutzung dokumentiert? Die Bestandsaufnahme zeigt: sehr wohl. Die "Happywhale" App etwa zeigt: Um Wale weltweit zu identifizieren, haben Touristen bereits mehr als 138.000 Fotos von Walfluken hochgeladen - und damit wertvolles Forschungsmaterial. Digitale Vernetzung und Smartphone-Apps erleichtern das Mitmachen. Auf der deutschen Plattform "Bürger schaffen Wissen" sind bereits mehr als 120 Projekte verzeichnet.

insgesamt 6 Beiträge
Hamberliner 03.03.2019
1. Die Leute qualifizieren sich dadurch nicht zu Wissenschaftlern.
Es kann natürlich in manchen, aber nicht allen Bereichen eine große Hilfe sein, freiwillige Laien für Datenerfassung und Beobachtungen einzusetzen, aber die Leute werden dadurch nicht zu Wissenschaftlern. Sie entwickeln keine [...]
Es kann natürlich in manchen, aber nicht allen Bereichen eine große Hilfe sein, freiwillige Laien für Datenerfassung und Beobachtungen einzusetzen, aber die Leute werden dadurch nicht zu Wissenschaftlern. Sie entwickeln keine mathematischen Verfahren, mit denen man berechnet, welche Maßnahmen welche Ergebnisse verursachen. Ich habe übrigens Probleme, auf der genannten Webseite hunderte von Projekten zu finden, vielleicht bin ich zu dumm, sie zu bedienen. Persönlich würde ich mir wünschen, man könne beliebigen Freiwilligen einen kleinen Turm mit einem Modell obendrauf, verstellbar befestigt auf einer Sechs-Komponenten-Kraftmesswaage, aufs Auto schrauben, damit sie auf der Autobahn den Messrechner mitlaufenlassen und immer wieder das Modell verstellen. Das würde teure Windkanalversuche einsparen. Allerdings befürchte ich, das Spielchen wär schon bei der ersten Polizeikontrolle zuende, wenn dieses komische Teil nicht im KFZ-Schein steht. Es kann generell gefährlich werden, wenn merkwürdige Aktivitäten die Aufmerksamkeit von Dummen erregen. Ein Bekannter von mir, Geologe, hat einmal für ein Forschungsprojekt in Indonesien am Strand Wasserproben genommen und analysiert. Da kam die Polizei, hat ihn verhaftet, und er saß eine Woche in Untersuchungshaft. Der Vorwurf: Spionage.
ergruender 03.03.2019
2. Zooniverse
Wer sich bei der Citizen Science Platform Zooniverse anmelden will, sollte wissen, dass man dort zum "Versuchskaninchen" wird. Es gibt diesbezüglich folgenden Zooniverse blog Beitrag, der am 25.07.2018 veröffentlicht [...]
Wer sich bei der Citizen Science Platform Zooniverse anmelden will, sollte wissen, dass man dort zum "Versuchskaninchen" wird. Es gibt diesbezüglich folgenden Zooniverse blog Beitrag, der am 25.07.2018 veröffentlicht wurde.: EXPERIMENTS ON THE ZOONIVERSE
mime-sis 03.03.2019
3. City Nature Challenge
Ein Citizen Science Project (von iNaturalist, http://citynaturechallenge.org), bei dem jeder der in Berlin mitmachen kann findet Ende April statt. Man kann an drei Tagen hinausgehen und Tiere und Pflanzen fotografieren und auf [...]
Ein Citizen Science Project (von iNaturalist, http://citynaturechallenge.org), bei dem jeder der in Berlin mitmachen kann findet Ende April statt. Man kann an drei Tagen hinausgehen und Tiere und Pflanzen fotografieren und auf iNaturalist hochladen. Ca 60 Städte weltweit machen mit und es gibt einen kleinen Wettbewerb, in welcher Stadt wohl die meisten Observationen oder Arten gefunden wurden.
Newspeak 03.03.2019
4. ....
"Grundsätzlich erhalte die Wissenschaft durch die Daten unglaublich wertvolles Material, und dies ganz umsonst." Kostenlos, nicht umsonst. Das ist nebenbei auch ein Problem. Wissenschaft sollte entlohnt werden. [...]
"Grundsätzlich erhalte die Wissenschaft durch die Daten unglaublich wertvolles Material, und dies ganz umsonst." Kostenlos, nicht umsonst. Das ist nebenbei auch ein Problem. Wissenschaft sollte entlohnt werden. Daten sind wertvoll. Ein Heer von kostenlosen Mitarbeitern bringt echte Wissenschaftler nur noch mehr unter Legitimationsdruck. Wieso die bezahlen, wenn andere die Arbeit kostenlos machen? Das beleuchtet auch den Unterschied. Wissenschaftler sind mehr als Datensammler. Und datensammelnde Laien deshalb noch lange keine Wissenschaftler. Es ist Ausdruck einer weitverbreiteten Ignoranz und Geringschätzung der Wissenschaft gegenüber, beides miteinander auf eine gleiche Stufe zu stellen.
gebruker 03.03.2019
5. Falscher Begriff
Unter Citizen Science verstehe ich etwas anderes. Was hier beschrieben wird, ist eher Dokumentation-Arbeit. Dies kann wert- und sinnvoll sein und auch Freude bereiten, aber man ist dabei eine kostenlose Arbeitskraft für die [...]
Unter Citizen Science verstehe ich etwas anderes. Was hier beschrieben wird, ist eher Dokumentation-Arbeit. Dies kann wert- und sinnvoll sein und auch Freude bereiten, aber man ist dabei eine kostenlose Arbeitskraft für die kostspielige Feldforschung der Wissenschaft. Nur sehr wenige Wissenschaftler wissen dies auch entsprechend zu würdigen. Wenn die Citizen Scientists etwas Interessantes finden oder eine neue Methodik erarbeiten, dann laufen sie Gefahr, dass die beruflichen Wissenschaftler sich daran bedienen ohne, dass ihre Arbeit und Leistung gewürdigt wird. Dabei gibt es heute viele wissenschaftlich ausgebildete Akademiker, die sich gerne auch mit anderen Disziplinen beschäftigen, quasi als Hobby (Neigung) oder weil sie sich beruflich verändern möchten, Interesse (Neugierde) usw haben. Sie können neue innovative Beiträge liefern, weil sie interdisziplinär aufgestellt sind. Aber die Wissenschaftler können deren Ergebnisse, wenn sie davon erfahren und als Experten von diesen konsultiert werden, schneller publizieren und bedienen sich so der Ideen dieser wissenschaftlich Interessierten. Dadurch schaden diese Berufswissenschaftler der Wissenschaft und dem wissenschaftlichen Fortschritt, anstatt diese zu fördern und zu helfen. Dies geschieht oft, um sich auf Kosten Dritter sich zu bereichern, ohne dass diese eine Chance haben sich zu wehren, meisten werden deren Ideen als eigene publiziert. Dieses Konfliktfeld wird in dem Artikel leider nicht angesprochen und verstößt gegen den wissenschaftlichen Ethos. Man stelle ich mal vor, Max Planck hätte Albert Einsteins (damals Patentassessor) erste Publikationseinsendungen als seine eigenen herausgegeben. Einsteins Beitrag zur Wissenschaft wäre wahrscheinlich damit beendet gewesen. Und viele seiner Leistungen bis heute nicht erreicht.

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