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Wissenschaft

Mittelitalien

Die Angst vor dem großen Erdbebensturm

Wie lange geht es weiter mit den Erdbeben in Mittelitalien? Das fragen sich nicht nur die Bewohner. Forscher erkennen in der Region weitere Hochrisikogebiete, die Katastrophenserie könnte andauern.

DPA/ ITALIAN FIRE FIGHTERS
Von
Montag, 31.10.2016   18:55 Uhr

Der Untergrund Mittelitaliens gleicht einer Lagerhalle, in der Felsplatten aufrecht an die Wand gestellt sind, eine Platte vor die andere: Wie eine Reihe schräg stehender Dominos drücken sie gegeneinander - bis eine Platte abrutscht, und es knallt.

Das Apennin-Gebirge, das Italien der Länge nach durchzieht, ist ein fragiles Gebilde, auf dem Hunderte Ortschaften stehen.

Am Sonntag hielt abermals ein Block nicht mehr stand, mit einem Mal rutschte er um einen Meter ab. Umbrien wurde von einem Beben der Stärke 6,6 getroffen, einem der stärksten Erdbeben in Italien der vergangenen Jahrzehnte.

Temblor.net

Gebirgiges Bebengebiet bei Norcia: Gelbe Linien zeigen Gesteinsnähte, an denen es beben kann - weitere dürften unentdeckt sein.

Es war das fünfte zerstörerische Beben in der Region seit August. Nach dem Beben am vergangenen Mittwoch hatte der italienische Zivilschutz eine Warnung vor erneuten Starkbeben herausgegeben - und lag richtig.

Wie eine Reihe umfallender Dominosteine

Eine fatale Kettenreaktion ist in Gang gekommen, vermutlich ausgelöst von dem verheerenden Beben von L'Aquila 2009: Seither sorgt ein Beben für das nächste - wie eine Reihe umfallender Dominosteine.

Nachdem die Erde in L'Aquila gebebt hatte, vergrößerte sich nördlich der Druck im Untergrund. Die beiden Starkbeben in Amatrice am 24. August dieses Jahres linderten die Spannung dort, verschoben sie aber wiederum nordwärts. Dort krachte es vergangenen Mittwoch nahe Visso. Vier Tage später löste sich auch die Spannung nordwestlich von Amatrice.

Temblor.net

Fünf zerstörerische Erdbeben seit 2009

Glück im Unglück: Trotz verheerender Zerstörungen scheint niemand bei dem Beben nahe Norcia gestorben zu sein. Allerdings haben abermals Tausende ihr Obdach verloren.

Offenbar waren viele Bewohner absichtlich nicht zu Hause: Sie waren gewarnt von all den Beben in der Nähe in jüngster Zeit - ein glücklicher Umstand, der auch schon beim Visso-Beben Tausende gerettet hatte.

Schlimmstenfalls droht ein Erdbebensturm

Es hätte extrem schlimm werden können: Ähnlich starke Beben wie jenes vom Sonntag hatten 1915 etwa hundert Kilometer südlich mehr als 30.000 Menschen und 1980 rund 250 Kilometer südlich 2.500 Menschen getötet.

Das aktuelle Beben-Stakkato ist typisch in Mittelitalien: Erdbeben kommen oft in Gruppen - hat es gebebt, kommt der Boden nicht zur Ruhe: Ein Beben löst die Spannung im Boden in einer Region, erhöht aber gleichzeitig die Spannung in angrenzenden Gebieten.

INGV Terremoti

Erdbeben in Mittelitalien seit August: Die weißen Sterne zeigen die beiden Starkbeben vom 24. August und vom 26. Oktober, die grünen, gelben und orangen Punkte deren Nachbeben. Der rote Stern zeigt das Starkbeben vom 30. Oktober, die roten Punkte dessen Nachbeben der ersten drei Stunden.

Im schlimmsten Fall droht ein Erdbebensturm, eine Kettenreaktion extremer Beben binnen weniger Jahre. Der amerikanische Seismologe Amos Nur prägte den Begriff, um verheerende Beben-Kaskaden am Mittelmeer zu beschreiben.

Um 1200 vor Christus gingen bei Erdbeben binnen 50 Jahren 47 bronzezeitliche Städte im Nahen Osten und am östlichen Mittelmeer zugrunde. Auch im vierten nachchristlichen Jahrhundert fielen Metropolen reihenweise, von Palästina bis Sizilien. In zwölf Jahren hatte es elf vernichtende Starkbeben gegeben.

Seriöse Prognosen gibt es nicht

In Mittelitalien gab es in den vergangenen Jahrhunderten mehrere Kettenreaktionen wie in den vergangenen Monaten. Wie lange die Bebenreihe nun andauern wird, weiß niemand.

Noch scheint genügend Spannung im Gestein für weitere Starkbeben vorhanden: Als nächstes könnte es Gebiete treffen, die südlich an die Bebengebiete der vergangenen Monate angrenzen, meint der renommierte Seismologe Ross Stein von der Stanford University in den USA.

INGV Terremoti

Spannungsänderung nach den Augustbeben: Gelbe und rote Bereiche auf der Landkarte zeigen erhöhte Spannung - Gorzano oder Capitignano könnte es als nächstes treffen, sie liegen zwischen L'Aquila und Amatrice

Dort - zwischen den Bebengebieten von L'Aquila und jenen dieses Jahres - hätte sich der Druck im Boden nicht überall abgebaut. Aufgrund der jüngsten Beben habe er sich vermutlich noch erhöht.

Irgendwann wird es beben, doch wann es passieren wird, kann niemand vorhersagen. Seriöse Prognosen für den Zeitpunkt von Erdbeben gibt es nicht. Schutz bieten einzig erdbebensicher gebaute Häuser, Brücken und Straßen.

Drohnenvideo zeigt Ausmaß der Zerstörung

Foto: REUTERS

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