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Wissenschaft

Extrem-Organismus

Pilz ernährt sich von Radioaktivität

So wie Pflanzen durch Sonnenlicht wachsen, gedeihen bestimmte Pilze durch radioaktive Strahlung. Forscher schlagen vor, die extremen Organismen dort einzusetzen, wo Radioaktivität im Überschuss vorhanden ist, Nahrung hingegen knapp: auf Weltraum-Missionen.

Mittwoch, 23.05.2007   13:52 Uhr

New York - Warum fühlen sich bestimmte Pilzarten gerade in solchen Böden wohl, denen kein Mensch allzu nahe kommen wollte? Wangiella dermatitidis und Cryptococcus neoformans zum Beispiel siedeln und gedeihen sogar in Erde, die stark radioaktiv verseucht ist. "Extreme Umgebungen" nennen Wissenschaftler so etwas.

Eins haben W. dermatitidis und C. neoformans mit vielen anderen Extrem-Besiedlern gemein, das Pigment Melanin. "Es ist allgegenwärtig in der Natur", sagte Arturo Casadevall von der Yeshiva University in New York. "Und Melanin-haltige Mikroorganismen sind oft die dominierenden Spezies in Extremumgebungen wie etwa radioaktiv verseuchten Böden." - Zufall oder Zusammenhang? Casadevall fing an zu experimentieren.

In seiner Studie verglich der Wissenschaftler das Wachstum verschiedener Pilzarten unter zwei Bedingungen: Entweder mit der natürlich vorkommenden radioaktiven Hintergrundstrahlung oder mit einem 500 Mal größeren Wert. In der Fachzeitschrift "PLoS One" berichtet Casadevall: Pilzarten, die Melanin enthielten, zeigten unter dem starken Strahlenbeschuss keinerlei Schäden. Er beobachtete sogar ein deutlich stärkeres und schnelleres Wachstum bei ihnen.

Strahlungs-Fresser als Astronauten-Proviant

Radioaktive Strahlung kann bestimmten Pilzarten als Nahrung dienen, folgert der Forscher. Und Melanin ermögliche es ihnen, die Strahlungsenergie umzusetzen. Damit könnten die Mikroorganismen auch unabhängig von organischen Stoffen wachsen, die von anderen Lebewesen gebildet wurden. Das widerspricht bisherigen Annahmen.

Der verantwortliche Mechanismus scheint hierbei ähnlich zu funktionieren wie bei der Photosynthese von Pflanzen, schreibt Casadevall. Sie wandeln mithilfe des Pigments Chlorophyll Sonnenlicht in chemische Energie um. Die Idee zum Experiment war dem Forscher und seinen Kollegen bereits vor fünf Jahren gekommen, als im zerstörten Atomreaktor von Tschernobyl schwarze, melaninreiche Pilze gefunden wurden, die dort auf den Wänden wuchsen.

Für mögliche Anwendungen ihrer Entdeckung haben die Wissenschaftler eine konkrete Idee: Astronauten könnten die Pilze als unerschöpfliche Nahrungsquelle bei langen Missionen im All dienen, da dort überall radioaktive Strahlung in großer Menge vorhanden ist.

stx/ddp

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