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Wissenschaft

Umstrittenes Herbizid

Behörde erlaubt erneut Glyphosat-Mittel

Laut Koalitionsvertrag wollen SPD und Union die Anwendung von Glyphosat beenden - doch nun wurde ein neues glyphosathaltiges Pflanzenschutzmittel zugelassen. Der Streit um den Stoff geht weiter.

REUTERS

Glyphosathaltiger Unkrautvernichter Roundup von Monsanto (Symbolbild).

Sonntag, 03.03.2019   13:37 Uhr

Insgesamt 18 Pflanzenschutzmittel haben die Zulassung für den deutschen Markt erhalten, darunter auch eines, das den umstrittenen Unkrautvernichter Glyphosat enthält. Dies teilte das zuständige Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) nun mit, das dem Agrarministerium von Ministerin Julia Klöckner (CDU) untersteht.

Die Behörde konnte allerdings nur eine befristete Genehmigung bis zum 31. Dezember 2019 ausstellen. Für eine längerfristige Zulassung fehle ein Einvernehmen mit dem Umweltbundesamt (UBA) über die Biodiversitäts-Anwendungsbestimmungen, teilte das BVL auf seiner Homepage mit. Das UBA untersteht dem Bundesumweltministerium von Svenja Schulze (SPD).

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Glyphosat ist das wohl am stärksten politisierte Ackergift aller Zeiten. Über seine Anwendung gibt es in Deutschland seit Jahren Streit. Vor allem um den Beitrag von Glyphosat zum Insektensterben sowie um die angebliche Krebsgefahr durch den Stoff (Lesen Sie die Hintergründe dazu hier) wird gerungen.

Für Aufsehen sorgte zuletzt die erneute Genehmigung des Stoffes auf EU-Ebene im November 2017. Obwohl sich die geschäftsführende Bundesregierung in der Frage nicht einig war (die SPD wendete sich gegen eine weitere Zulassung, die CDU/CSU war dafür), votierte der damalige Landwirtschaftsminister Christian Schmidt für die Zulassung. Dies wurde als schwere Belastung für die Gespräche über eine Neuauflage der großen Koalition gewertet.

Die Bundesregierung hatte sich daher vergangenes Jahr in ihrem Koalitionsvertrag darauf verständigt, "mit einer systematischen Minderungsstrategie den Einsatz von glyphosathaltigen Pflanzenschutzmitteln deutlich einzuschränken mit dem Ziel, die Anwendung so schnell wie möglich grundsätzlich zu beenden."

Glyphosat - Das Wichtigste im Überblick

Krebserregend oder nicht krebserregend?
Behörden weltweit haben die Risiken von Glyphosat für die Bevölkerung bei sachgemäßer Anwendung geprüft. Zu einem Ergebnis, dass der Stoff nicht krebserregend sei, kommen unter anderem:
  • das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)
  • die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa)
  • die US-amerikanische Umweltbehörde EPA
  • die kanadische Bewertungsbehörde Pest Management Regulatory Agency (PMRA)
  • die australische Bewertungsbehörde Australian Pesticides and Veterinary Medicines Authority (APVMA)
  • die japanische Food Safety Commission
  • die neuseeländische Umweltbehörde EPA
  • das Joint Meeting on Pesticide Residues (JMPR) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und
  • die Europäische Chemikalienagentur (ECHA)
Die Krebsagentur IARC der WHO kam 2015 dagegen zu dem Schluss, dass Glyphosat "wahrscheinlich krebserregend" sei. Die Institution untersucht allerdings nur, ob ein Stoff grundsätzlich in der Lage ist, Krebs auszulösen. Sie bewertet nicht, wie groß diese Gefahr ist und ob ein konkretes Risiko für die Bevölkerung besteht. So stuft die IARC auch den Friseurberuf und den Konsum heißer Getränke als "wahrscheinlich krebserregend" ein, Sonnenstrahlen und Alkohol als "sicher krebserregend".
Manipulationsvorwürfe auf allen Seiten
Glyphosat-Befürworter und -Gegner versuchen in der Debatte, ihre Interessen mit allen Mitteln durchzusetzen und die Gegenseite zu schwächen. Der Überblick:

- Glyphosat-Hersteller Monsanto hat offenbar versucht, die Entscheidungsfindung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) zu beeinflussen. Inwiefern das erfolgreich war, ist unklar. Auch wird dem Unternehmen vorgeworfen, Forschern für positive Glyphosat-Berichte Geld gezahlt zu haben. Das Unternehmen bestreitet das.

- Dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) werfen Umweltaktivsten vor, Passagen aus dem Zulassungsantrag von Monsanto kopiert zu haben. In der Einleitung der entsprechenden Kapitel wird allerdings angekündigt, dass im Folgenden Ausschnitte aus dem Antrag wiedergegeben werden und die Behörde, wenn nötig, ihre eigene Einschätzung ergänzt habe.

- An der glyphosatkritischen Bewertung der IARC ("wahrscheinlich krebserregend") war ein Sachverständiger mit Interessenkonflikten beteiligt. Christopher Portier erhielt mindestens 160.000 Dollar von US-Anwälten, die Monsanto im Auftrag potenzieller Glyphosat-Opfer verklagen.

- In einem Kapitel des IARC-Berichts wurde laut der Nachrichtenagentur Reuters zudem im Entwurfsstadium in mehreren Fällen die Einschätzung von Studien von "nicht krebserregend" in neutral oder positiv ("krebserregend") umgeändert. Die IARC bestreitet das.
Glyphosat und Insekten
Im Zusammenhang mit dem Insektensterben wird Glyphosat immer wieder genannt. Forscher hatten im Oktober 2017 eine viel beachtete Studie zum Schwund der Insekten in Deutschland veröffentlicht. Einen Beleg dafür, dass Pestizide die Ursache sind, fanden sie nicht - zumal die Untersuchung in Naturschutzgebieten stattfand.

Dass die konventionelle Landwirtschaft mit Monokulturen und Pestiziden eine Rolle beim Insektensterben spielt, liegt jedoch nahe. Das Problem auf Glyphosat allein zu reduzieren, greift allerdings zu kurz.

Im September 2018 haben Forscher in einer Studie gezeigt, dass Glyphosat die Darmflora von Bienen verändern kann. In einer Untersuchung von 2015, in der die Wirkung von 42 verbreiteten Pestiziden auf Honigbienen untersucht wurde, listeten Wissenschaftler Glyphosat dagegen auf Platz 42 - als im Vergleich am wenigsten toxisch.
Glyphosat = Monsanto?
Im Zusammenhang mit Glyphosat wird meist Monsanto als Hersteller genannt. Die Firma hat den Stoff in den Siebzigerjahren erstmals auf den Markt gebracht. Das Patent ist allerdings im Jahr 2000 abgelaufen. Monsanto, das inzwischen von Bayer aufgekauft wurde, ist bis heute mit einem Anteil von ungefähr 40 Prozent Marktführer. Neben dem Unternehmen bieten aber auch mehrere Dutzend weitere Firmen weltweit glyphosathaltige Herbizide an.

In Deutschland sind laut Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) derzeit 37 Mittel mit Glyphosat zugelassen, die unter 105 Handelsnamen vertrieben werden.
Anwendung in Deutschland
Pflanzen nehmen Glyphosat vor allem über die Blätter auf. Von dort gelangt der Wirkstoff in den ganzen Organismus und blockiert die Produktion von Aminosäuren. Dadurch stirbt die Pflanze ab. In Deutschland kommt Glyphosat auf den Acker, bevor die Nutzpflanze ausgesät wird. Sonst würde nicht nur das Unkraut, sondern auch die gesäte Pflanze absterben. Nur in Ausnahmefällen darf Glyphosat vor der Ernte eingesetzt werden.

Sollte Glyphosat perspektivisch ganz verboten werden, ist das nicht unbedingt eine gute Nachricht für den Natur- und Artenschutz. Experten befürchten, dass Landwirte dann auf andere zugelassene Unkrautvernichter zurückgreifen, die toxischer sind als Glyphosat. Im Unterschied zu anderen Mitteln, gilt Glyphosat zudem als besonders effizient, weshalb nur vergleichsweise geringe Mengen des Stoffes eingesetzt werden müssen.

Pflanzen nehmen Glyphosat vor allem über die Blätter auf. Von dort gelangt der Wirkstoff in den ganzen Organismus und blockiert die Produktion von Aminosäuren. Dadurch stirbt die Pflanze ab. In Deutschland kommt Glyphosat auf den Acker, bevor die Nutzpflanze ausgesät wird. Sonst würde nicht nur das Unkraut, sondern auch die gesäte Pflanze absterben. Nur in Ausnahmefällen darf Glyphosat vor der Ernte eingesetzt werden.

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Ab 2020 sollen Bauern nun nach dem Willen des Umweltbundesamts im Schnitt zehn Prozent ihrer Ackerfläche für den Schutz der biologischen Vielfalt nutzen müssen, wenn sie Pflanzenschutzmittel wie Glyphosat anwenden wollen, die die Artenvielfalt nachweislich schädigen. Über diese Auflagen besteht noch Uneinigkeit mit dem Bundesagrarministerium von Julia Klöckner.

Der Grünen-Agrarexperte Harald Ebner kritisierte die neuen Zulassungen. "Soll das jetzt Glyphosat-Einstieg statt Glyphosat-Ausstieg werden?", sagte er der Deutschen Presse-Agentur. "Ganz offensichtlich gibt es nicht einmal neue Auflagen oder Einschränkungen. Das Ergebnis kann nur sein: noch mehr Glyphosat - statt endlich weniger."

Korrektur: In einer früheren Version war zu lesen, dass 18 glyphosathaltige Pflanzenschutzmittel zugelassen wurden. Tatsächlich sind in dem jetzigen Schritt 18 Pflanzenschutzmittel zugelassen worden, jedoch enthält nur eines Glyphosat. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

dpa/stu

insgesamt 55 Beiträge
waldschrat_72 03.03.2019
1. Kein Glyphosateinsatz im Pflanzenbau bedeutet erst einmal...
... Begleitflora wird wieder toleriert. Hieße, mehr botanische Artenvielfalt auf dem Acker, aber eben auch deutlich weniger Ertrag pro Flächeneinheit. Hieße wiederum, höhere Preise für Lebensmittel. Ich bin bereit, diesen [...]
... Begleitflora wird wieder toleriert. Hieße, mehr botanische Artenvielfalt auf dem Acker, aber eben auch deutlich weniger Ertrag pro Flächeneinheit. Hieße wiederum, höhere Preise für Lebensmittel. Ich bin bereit, diesen Preis zu zahlen, habe jedoch meine Zweifel, ob das die Mehrheit der Verbraucher in Deutschland auch so sieht. Glyphosat ist ein sehr wirksames Vorauflaufmittel und schafft gegenüber Ackerkräutern vor Auflauf der Kultursaat "besenrein". So richtig problematisch für den Artenschutz ist m.E. jedoch erst der kombinierte Einsatz von Glyphosat mit hochwirksamen Insektiziden, insbesondere den Neonicotinoiden, die, anders als Gly- so gut wie gar nicht selektiv, sondern völlig indifferent wirken, sprich, jedwedes Insekt mehr oder weniger schädigen. Die grundlegend gesellschaftlich zu klärende Frage wäre doch erst einmal, ob wir eine nachhaltigere Landwirtschaft wirklich wollen und dann einen adäquat höheren Preis auch zu zahlen bereit sind. Bio fordern, aber nur konventionell bezahlen wollen, das würde nicht zusammengehen.
Pinon_Fijo 03.03.2019
2.
Der erste, von waldschrat_72 verfaßte Kommentar bildet m.E. die typisch deutsche Perspektive ab: Im Ausland stellen sich die Verbraucher nicht die Frage, ob sie höhere Preise für Lebensmittel zu zahlen bereit wären, sie sind [...]
Der erste, von waldschrat_72 verfaßte Kommentar bildet m.E. die typisch deutsche Perspektive ab: Im Ausland stellen sich die Verbraucher nicht die Frage, ob sie höhere Preise für Lebensmittel zu zahlen bereit wären, sie sind schlicht nicht in der Lage dazu. Und Begriffe wie 'nachhaltige Landwirtschaft' können nicht einmal wortwörtlich in andere Sprachen übersetzt, sondern bestenfalls umschrieben werden. Wenn im Ausland doch gegen Glyphosat opponiert wird, dann aus rein wirtschaftlichen Gründen: Bei einem Glyphosat-Verbot hofft man endlich sein eigenes Zeug verkaufen zu können.
BodoB. 03.03.2019
3.
Beim Lesen des Artikels kam mir als erstes der Bericht über die Impfgegner auf der geichen SPON-Seite in den Sinn. Ohne wissenschaftlich fundierte Fakten scheinen auch beim Glyphosat die Verschwörungstheoretiker eine gute [...]
Beim Lesen des Artikels kam mir als erstes der Bericht über die Impfgegner auf der geichen SPON-Seite in den Sinn. Ohne wissenschaftlich fundierte Fakten scheinen auch beim Glyphosat die Verschwörungstheoretiker eine gute Grundlage zu finden. Ich bin beileibe kein Freund von Glyphosat, zähle mich eigentlich zu den Naturschützern und sehe die Bedrohung von Pestiziden für den Artenschutz als bedenklich an. Wenn ich aber sehe, dass Menschen entgegen den Empfehlungen zig staatlicher Lebensmittel- und Risikoabschätzungsinstituten anderen nicht-wissenschaftlichen Positionen mehr Glauben schenken - und staatlichen Institutionen infrage stellen ohne mit sich reden zu lassen - dann macht das für mich einen tiefen Eindruck von Verschwörungstheorie. Vielleicht müssen wir das Problem wissenschaftlich neu bewerten und klären, anstatt mit alten Fakten bzw Gerüchten zu argumentieren. Ich sehe mehr und mehr den Glaube an die Wissenschaft in Gefahr und damit eine zunehmende Abkehr von der Aufklärung. Sapere aude: Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Wissenschaft hat sicher viele Fehler gemacht, ermöglicht es uns aber auch, so zu leben, wie wir es heute tun. Mit Esoterik werden wir die Welt nicht retten. Das gilt für Impfgegener wie für alle Wissenschafts-Leugner.
von_oz 03.03.2019
4.
Von mir aus kann's losgehen. Ich kaufe seit Jahren Obst und Gemüse im Biomarkt, um Umweltgiften wie diesen aus dem Weg zu gehen und nicht eine Landwirtschaft zu unterstützen, die weder Respekt vor der Natur noch vor dem [...]
Zitat von waldschrat_72... Begleitflora wird wieder toleriert. Hieße, mehr botanische Artenvielfalt auf dem Acker, aber eben auch deutlich weniger Ertrag pro Flächeneinheit. Hieße wiederum, höhere Preise für Lebensmittel. Ich bin bereit, diesen Preis zu zahlen, habe jedoch meine Zweifel, ob das die Mehrheit der Verbraucher in Deutschland auch so sieht. Glyphosat ist ein sehr wirksames Vorauflaufmittel und schafft gegenüber Ackerkräutern vor Auflauf der Kultursaat "besenrein". So richtig problematisch für den Artenschutz ist m.E. jedoch erst der kombinierte Einsatz von Glyphosat mit hochwirksamen Insektiziden, insbesondere den Neonicotinoiden, die, anders als Gly- so gut wie gar nicht selektiv, sondern völlig indifferent wirken, sprich, jedwedes Insekt mehr oder weniger schädigen. Die grundlegend gesellschaftlich zu klärende Frage wäre doch erst einmal, ob wir eine nachhaltigere Landwirtschaft wirklich wollen und dann einen adäquat höheren Preis auch zu zahlen bereit sind. Bio fordern, aber nur konventionell bezahlen wollen, das würde nicht zusammengehen.
Von mir aus kann's losgehen. Ich kaufe seit Jahren Obst und Gemüse im Biomarkt, um Umweltgiften wie diesen aus dem Weg zu gehen und nicht eine Landwirtschaft zu unterstützen, die weder Respekt vor der Natur noch vor dem Verbraucher kennt und zudem die Zukunft des Grundwassers und zahlreicher für den Erhalt unserer Lebensgrundlagen wichtigen Tierarten für ein paar gesparte Euro aufs Spiel setzt.
mirage122 03.03.2019
5. Anwendung so schnell wie möglich beenden?
Stand das nicht so im Koalitionsvertrag? Offensichtlich stehen Herr Müller und Frau Klöckner über den Dingen und bestimmen unabhängig von schriftlichen Abmachungen. Auch diese beiden Herrschaften sind weitere Gründe für die [...]
Stand das nicht so im Koalitionsvertrag? Offensichtlich stehen Herr Müller und Frau Klöckner über den Dingen und bestimmen unabhängig von schriftlichen Abmachungen. Auch diese beiden Herrschaften sind weitere Gründe für die SPD, endlich ganz knallhart Handlungsbedarf anzukündigen. Frau Klöckner hätte doch eigentlich andere Probleme, damit in ihrer Kantine endlich die notwendigen Vorschriften in Sachen Sauberkeit umgesetzt werden.

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