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Wissenschaft

Umstrittenes Herbizid

Bundesregierung plant Glyphosat-Verbot ab 2024

Die Bundesregierung will die Anwendung des umstrittenen Unkrautgifts Glyphosat in fünf Jahren verbieten. Schon zuvor soll der Einsatz des Mittels eingeschränkt werden.

DPA

Behälter mit Roundup, einem Unkrautvernichter von Monsanto

Mittwoch, 04.09.2019   16:23 Uhr

Das umstrittene Unkrautgift Glyphosat soll in Deutschland zum 31. Dezember 2023 verboten werden. Dann läuft vorrausichtlich auch die Genehmigung in der EU inklusive Übergangsfrist aus. Die geplante "verbindliche Beendigung der Anwendung" von glyphosathaltigen Mitteln ist Teil eines Programms zum Insektenschutz und wurde am Mittwoch vom Bundeskabinett in Berlin beschlossen.

Bereits ab 2020 soll demnach mit einer "systematischen Minderungsstrategie" die Anwendung deutlich eingeschränkt werden. Geplant ist unter anderem, die Verwendung für Haus- und Kleingärten und öffentliche Flächen wie Parks zu untersagen. Außerdem soll es Einschränkungen für Bauern geben, darunter ein Anwendungsverbot vor der Ernte. Das soll etwa drei Viertel der in Deutschland eingesetzten Glyphosatmenge vermeiden.

Glyphosat wurde vom US-Saatgutkonzern Monsanto in den Siebzigerjahren auf den Markt gebracht und ist einer der am meisten verwendeten Unkrautvernichter, der inzwischen von vielen Unternehmen verkauft wird. Monsanto gehört mittlerweile zum deutschen Agrarchemie- und Pharmakonzern Bayer, der in den USA mit Tausenden Klagen wegen angeblicher Krebsrisiken glyphosathaltiger Herbizide konfrontiert ist. Zu den wichtigsten Absätzmärkten zählen die USA und Brasilien.

Glyphosat - Das Wichtigste im Überblick

Krebserregend oder nicht krebserregend?
Behörden weltweit haben die Risiken von Glyphosat für die Bevölkerung bei sachgemäßer Anwendung geprüft. Zu einem Ergebnis, dass der Stoff nicht krebserregend sei, kommen unter anderem:
  • das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)
  • die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa)
  • die US-amerikanische Umweltbehörde EPA
  • die kanadische Bewertungsbehörde Pest Management Regulatory Agency (PMRA)
  • die australische Bewertungsbehörde Australian Pesticides and Veterinary Medicines Authority (APVMA)
  • die japanische Food Safety Commission
  • die neuseeländische Umweltbehörde EPA
  • das Joint Meeting on Pesticide Residues (JMPR) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und
  • die Europäische Chemikalienagentur (ECHA)
Die Krebsagentur IARC der WHO kam 2015 dagegen zu dem Schluss, dass Glyphosat "wahrscheinlich krebserregend" sei. Die Institution untersucht allerdings nur, ob ein Stoff grundsätzlich in der Lage ist, Krebs auszulösen. Sie bewertet nicht, wie groß diese Gefahr ist und ob ein konkretes Risiko für die Bevölkerung besteht. So stuft die IARC auch den Friseurberuf und den Konsum heißer Getränke als "wahrscheinlich krebserregend" ein, Sonnenstrahlen und Alkohol als "sicher krebserregend".
Manipulationsvorwürfe auf allen Seiten
Glyphosat-Befürworter und -Gegner versuchen in der Debatte, ihre Interessen mit allen Mitteln durchzusetzen und die Gegenseite zu schwächen. Der Überblick:

- Glyphosat-Hersteller Monsanto hat offenbar versucht, die Entscheidungsfindung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) zu beeinflussen. Inwiefern das erfolgreich war, ist unklar. Auch wird dem Unternehmen vorgeworfen, Forschern für positive Glyphosat-Berichte Geld gezahlt zu haben. Das Unternehmen bestreitet das.

- Dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) werfen Umweltaktivsten vor, Passagen aus dem Zulassungsantrag von Monsanto kopiert zu haben. In der Einleitung der entsprechenden Kapitel wird allerdings angekündigt, dass im Folgenden Ausschnitte aus dem Antrag wiedergegeben werden und die Behörde, wenn nötig, ihre eigene Einschätzung ergänzt habe.

- An der glyphosatkritischen Bewertung der IARC ("wahrscheinlich krebserregend") war ein Sachverständiger mit Interessenkonflikten beteiligt. Christopher Portier erhielt mindestens 160.000 Dollar von US-Anwälten, die Monsanto im Auftrag potenzieller Glyphosat-Opfer verklagen.

- In einem Kapitel des IARC-Berichts wurde laut der Nachrichtenagentur Reuters zudem im Entwurfsstadium in mehreren Fällen die Einschätzung von Studien von "nicht krebserregend" in neutral oder positiv ("krebserregend") umgeändert. Die IARC bestreitet das.
Glyphosat und Insekten
Im Zusammenhang mit dem Insektensterben wird Glyphosat immer wieder genannt. Forscher hatten im Oktober 2017 eine viel beachtete Studie zum Schwund der Insekten in Deutschland veröffentlicht. Einen Beleg dafür, dass Pestizide die Ursache sind, fanden sie nicht - zumal die Untersuchung in Naturschutzgebieten stattfand.

Dass die konventionelle Landwirtschaft mit Monokulturen und Pestiziden eine Rolle beim Insektensterben spielt, liegt jedoch nahe. Das Problem auf Glyphosat allein zu reduzieren, greift allerdings zu kurz.

Im September 2018 haben Forscher in einer Studie gezeigt, dass Glyphosat die Darmflora von Bienen verändern kann. In einer Untersuchung von 2015, in der die Wirkung von 42 verbreiteten Pestiziden auf Honigbienen untersucht wurde, listeten Wissenschaftler Glyphosat dagegen auf Platz 42 - als im Vergleich am wenigsten toxisch.
Glyphosat = Monsanto?
Im Zusammenhang mit Glyphosat wird meist Monsanto als Hersteller genannt. Die Firma hat den Stoff in den Siebzigerjahren erstmals auf den Markt gebracht. Das Patent ist allerdings im Jahr 2000 abgelaufen. Monsanto, das inzwischen von Bayer aufgekauft wurde, ist bis heute mit einem Anteil von ungefähr 40 Prozent Marktführer. Neben dem Unternehmen bieten aber auch mehrere Dutzend weitere Firmen weltweit glyphosathaltige Herbizide an.

In Deutschland sind laut Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) derzeit 37 Mittel mit Glyphosat zugelassen, die unter 105 Handelsnamen vertrieben werden.
Anwendung in Deutschland
Pflanzen nehmen Glyphosat vor allem über die Blätter auf. Von dort gelangt der Wirkstoff in den ganzen Organismus und blockiert die Produktion von Aminosäuren. Dadurch stirbt die Pflanze ab. In Deutschland kommt Glyphosat auf den Acker, bevor die Nutzpflanze ausgesät wird. Sonst würde nicht nur das Unkraut, sondern auch die gesäte Pflanze absterben. Nur in Ausnahmefällen darf Glyphosat vor der Ernte eingesetzt werden.

Der Wirkstoff tötet Unkraut und andere Pflanzen ab, weswegen Naturschützer das Mittel als schädlich für die ökologische Vielfalt kritisieren. Um Bienen und andere Insekten zu schützen, will die Bundesregierung den Einsatz von Unkraut- und Schädlingsgiften auch insgesamt stark einschränken. Unkrautbekämpfungsmittel sowie Insektengifte, die der biologischen Vielfalt schaden, sollen ab 2021 in Naturschutzgebieten und anderen geschützten Zonen tabu sein, etwa an Naturdenkmälern oder in Nationalparks.

Die Bundesländer sollen für den Insektenschutz besonders wichtige Vogelschutzgebiete festlegen können, in denen die gleichen Regeln gelten. Ausnahmen müssen die Naturschutzbehörden genehmigen. Zwischen den Anwendungsgebieten und Gewässern müssen künftig fünf Meter Abstand sein, wenn der Gewässerrand dauerhaft begrünt ist - sonst sogar zehn Meter. Auch hier können die Länder Ausnahmen festlegen.

Der Verband der kommunalen Unternehmen (VKU) begrüßte die Beschlüsse. "Was dem Insektenschutz guttut, tut auch dem Schutz der Gewässer gut. Wir müssen deswegen jetzt gegensteuern und die Einträge von Pflanzenschutzmitteln insgesamt verringern", sagt VKU-Vizepräsident Karsten Specht.

Das Aktionsprogramm ist kein Gesetz, dieses soll erst in den kommenden Monaten folgen. Die Große Koalition hatte sich den Schutz von Bienen und anderen Insekten, die unter anderem von einer intensiven Landwirtschaft bedroht sind, auf die Fahnen geschrieben. Dennoch gab es um die konkreten Regelungen weit über ein Jahr lang Streit.

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Der Bund will künftig pro Jahr 100 Millionen Euro zusätzlich für die Förderung des Insektenschutzes in der Agrarlandschaft und außerhalb ausgeben, auch die Forschung soll damit unterstützt werden.

Über den Einsatz von Glyphosat wird schon länger gestritten. Das Mittel war 2017 in der EU nach monatelangem Streit für weitere fünf Jahre zugelassen worden. Dagegen hatte es vor allem in Deutschland massive Proteste gegeben.

Die Internationale Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation stufte Glyphosat im März 2015 als "wahrscheinlich krebserregend" für den Menschen ein. Die Institution untersucht allerdings nur, ob ein Stoff grundsätzlich in der Lage ist, Krebs auszulösen. Die Lebensmittelbehörde Efsa, die Chemikalienagentur Echa und das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung sehen aber keine ausreichenden Belege für eine unmittelbare Gefahr durch den Stoff für den Verbraucher.

joe/dpa

insgesamt 109 Beiträge
geschädigter5 04.09.2019
1. Schon in Ordnung so!
Die kleinen Flächen müssen unbedingt vor Glyphosat geschützt werden, während die großen Flächen immer noch weiter gespritzt werden dürfen. Warum haben wir in D immer so von der Bauernlobby abhängige Minister, bzw [...]
Die kleinen Flächen müssen unbedingt vor Glyphosat geschützt werden, während die großen Flächen immer noch weiter gespritzt werden dürfen. Warum haben wir in D immer so von der Bauernlobby abhängige Minister, bzw Ministerinnen? Warum immer wieder diese Csu?
neanderspezi 04.09.2019
2. Regierungen lassen sich bei solchen Entscheidungen gerne Zeit
Beim Glyphosat-Verbot zögert die Bundesregierung noch viel zu lange. Sie darf davon ausgehen, dass bis 2024 viele weitere Insektenarten ausgestorben sind und die Singvögel, die Reptilien und die Lurche die sich von ihnen [...]
Beim Glyphosat-Verbot zögert die Bundesregierung noch viel zu lange. Sie darf davon ausgehen, dass bis 2024 viele weitere Insektenarten ausgestorben sind und die Singvögel, die Reptilien und die Lurche die sich von ihnen ernähren mit ihnen. Dann wird wenigstens kein Vogelruf ohn Unterlass den Schlaf am frühen Morgen mehr stören und Insekten werden niemand mehr im Biergarten umschwirren, es kehrt absolute Ruhe ein in den mit Pestiziden versorgten Landstrichen, Ruhe sozusagen auf dem Todeslager des zuvor reichen Zusammenlebens verschiedenster Lebensformen.
hotel-adler-rc 04.09.2019
3. zu spät!
Warum so spät? Andere Gesetze werden auch von heute auf morgen verabschiedet.
Warum so spät? Andere Gesetze werden auch von heute auf morgen verabschiedet.
Commentatore 24 04.09.2019
4. Fünf Jahre weiter Gift
Diese Entscheidung ist eine schallende Ohrfeige für jeden Bürger. Anstatt dieses Gift, das so verheerende Schäden anrichtet direkt zu verbieten wird weiter hinter verschlossenen Türen geklüngelt und geschoben. Verantwortung [...]
Diese Entscheidung ist eine schallende Ohrfeige für jeden Bürger. Anstatt dieses Gift, das so verheerende Schäden anrichtet direkt zu verbieten wird weiter hinter verschlossenen Türen geklüngelt und geschoben. Verantwortung zu zeigen und zu übernehmen ist offensichtlich bei dieser Regierung kein Programmpunkt. Warum sind sämtliche Entscheidungen aus diesen Bereichen grundsätzlich zum Nachteil der Bevölkerung und der Umwelt? Wer da wohl wenn "fördert"?
frazis 04.09.2019
5. Das Verbot von Gyphosat ist richtig
und wichtig. Aber warum erst Ende 2023? Warum erst dann, wenn die Zulassung dieses Mittels sowieso in der EU endet? Das hätte die Bundesregierung doch wohl eher haben können, wenn sie etwas mehr Einsatz bei früheren [...]
und wichtig. Aber warum erst Ende 2023? Warum erst dann, wenn die Zulassung dieses Mittels sowieso in der EU endet? Das hätte die Bundesregierung doch wohl eher haben können, wenn sie etwas mehr Einsatz bei früheren Abstimmungen gezeigt hätte. Und warum wird dieses Mittel nicht in Privatgärten und auf öffentlichen Flächen, wo es absolut nichts zu suchen hat, sofort verboten und aus dem Verkehr gezogen. Das wäre doch auch mal wirklich ein überzeugender Beitrag zum Schutz von Mensch, Tier und Natur. Es wäre schön, wenn die Bundesministerin Klöckner sich hier deutlich positionieren würde.

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