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Wissenschaft

Grippeepidemie

WHO warnt vor zweiter Viren-Welle

Eine zweite Welle der Schweinegrippe könne jederzeit und mit aller Macht zuschlagen, warnt WHO-Chefin Margaret Chan. Sie erwägt, sogar noch die höchste Warnstufe auszurufen. Auch deutsche Virologen meinen, dass sich das Virus noch gefährlich wandeln könnte.

Montag, 04.05.2009   12:40 Uhr

Genf/Mexiko-Stadt - Es sind zwei verschiedene Weltsichten, die man derzeit zu hören bekommt. Mexiko bemüht sich weiter mit aller Kraft, die Nachricht zu vermitteln, dass das Land den Grippeausbruch unter Kontrolle habe. Inzwischen würden weniger Menschen wegen der Infektion in Krankenhäusern behandelt, sagte Gesundheitsminister José Ángel Córdova. Gleichzeitig denkt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) aber offenbar darüber nach, doch noch die Pandemiestufe sechs auszurufen - und warnt vor Gefahren durch gewandelte Grippeerreger.

Die WHO hat inzwischen 985 Fälle der Erkrankung in 20 Ländern bestätigt, die sie inzwischen als Neue Grippe bezeichnet. Am stärksten betroffen seien Mexiko mit 590 Infektionen und die USA mit 226, teilte die Behörde am Montag mit. Deutschland liegt mit acht Erkrankten hinter Kanada (85), Spanien (40) und Großbritannien (15) auf Platz sechs. Das EU-Zentrum für Seuchenbekämpfung (ECDC) in Stockholm meldet sogar bereits etwas mehr als tausend Fälle insgesamt.

Mexikos Präsident Felipe Calderón beklagte eine Diskriminierung seiner Landsleute in einigen anderen Ländern. Der Präsident nannte zwar kein Land beim Namen, aber seine Kritik zielte in erster Linie auf China. Nur wenige Stunden zuvor hatte der mexikanische Botschafter in China mitgeteilt, dass dort mehr als 70 Mexikaner in die Isolierstation eines Krankenhauses gebracht worden seien.

China wies die Vorwürfe Calderóns zurück. Das Außenministerium in Peking erklärte, es würden nicht gezielt Mexikaner isoliert. Man hoffe, dass Mexiko mit dem Problem "in einer objektiven und ruhigen Art umgeht".

Die Erkrankungen im Mexiko verliefen "immer weniger ernst", sagte Gesundheitsminister Córdova. Voraussichtlich werde bereits am Mittwoch die vor rund einer Woche angeordnete Schließung von Restaurants und öffentlichen Einrichtungen in Mexiko-Stadt aufgehoben. Die Epidemie befinde sich auf dem Rückzug, nach wie vor sei aber Wachsamkeit angezeigt.

Bei der WHO bereitet man sich sogar darauf vor, doch noch die höchste Pandemiestufe sechs auszurufen. Am Wochenende war das zunächst ausgeblieben. WHO-Chefin Margaret Chan sagte, es gebe Anzeichen für das Erreichen des Pandemiestatus. "Stufe sechs bedeutet aber nicht das Ende der Welt. Es ist wichtig, dies deutlich zu machen", sagte Chan. Sonst würde man andernfalls eine unnötige Panik auslösen. Tatsächlich bedeutet das Ausrufen der Warnstufe sechs lediglich, dass Übertragungen von Mensch zu Mensch nicht mehr örtlich begrenzt sind. Über die Schwere des Verlaufs und mögliche Todesraten sagt die Warnstufe nichts aus.

Die WHO-Chefin warnte auch vor einer zweiten, heftigeren Welle der Grippe. Der derzeitige scheinbare Rückgang der Sterblichkeitsrate bedeute nicht, dass die Grippewelle zu Ende gehe. "Wir hoffen zwar, dass das Virus sich totläuft", sagte Chan. Doch könne eine zweite Schweinegrippe-Welle jederzeit "mit aller Macht" zuschlagen. Wenn das geschehe, "steht uns ein großer Ausbruch bevor".

"Grippeviren sind sehr unberechenbar. Wir sollten nicht übermäßig zuversichtlich sein. Man darf dem H1N1-Virus nicht die Möglichkeit geben, sich mit anderen Viren zu vermischen", warnte Chan. Die WHO-Chefin verwies vor allem auf den Höhepunkt der Grippesaison auf der Südhalbkugel, wo in Kürze der Winter anbricht. Niemand könne vorhersagen, was dann passiere.

In Deutschland gibt es derzeit noch zehn offene Verdachtsfälle der Neuen Grippe. Offiziell bestätigt sind acht Infektionen, sagte der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Jörg Hacker, am Montag in Berlin. Den Patienten gehe es gut. Es gebe aber noch keinen Grund zur Entwarnung. "Wir müssen auch in Deutschland mit weiteren Fällen rechnen", so Hacker. Die internationale Situation und die weitere Ausbreitung des Virus müsse beobachtet werden.

Auch Hacker bereitet nach eigener Aussage die große Wandelbarkeit im Erbgut des Virus A/H1N1 Sorgen. Es müsse damit gerechnet werden, dass sich das Virus möglicherweise weiter verändern und zum Beispiel stärker krank machen könnte als derzeit. Dies sei noch Spekulation, die Gefahr müsse aber ernst genommen werden. Wann die Krankheitswelle abebben wird, kann Hacker zufolge nicht seriös vorhergesagt werden.

Das Schweinegrippe-Virus

Der Erreger
Es handelt sich um ein Influenza-A-Virus mit der Bezeichnung H1N1, das sich von Mensch zu Mensch übertragen kann - vor allem durch Händeschütteln, Niesen und Husten. Ein H1N1-Virus war auch der Auslöser der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 weltweit mindestens 25 Millionen Menschen getötet hat.
Die Symptome
Die Schweinegrippe bewirkt ähnliche Symptome wie eine normale Grippe: plötzliches Fieber, Muskelschmerzen, trockener Husten und ein trockener Hals. Allerdings sind der einhergehende Durchfall und die Übelkeit stärker ausgeprägt.
Die Gefahr
Neue Virenstämme können sich rasch ausbreiten, weil es keine natürliche Immunität gibt und es Monate dauert, bis ein aktueller Impfstoff entwickelt und produziert ist. Der neue Stamm des Schweinegrippe-Virus unterscheidet sich vom älteren H1N1-Virus, gegen das die aktuellen Grippeimpfstoffe schützen. Die gewöhnliche Grippe tötet jedes Jahr 250.000 bis 500.000 Menschen, vor allem ältere Menschen. Die meisten sterben an Lungenentzündung. Auch gesunde Menschen können tödlich erkranken.
Antivirale Mittel
Nach derzeitigem Wissensstand bieten die Wirkstoffe Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) und Zanamivir (Handelsname Relenza) Schutz gegen das Schweinegrippen-Virus. Diese Wirkstoffe behindern unspezifisch die Vermehrung von Influenza-A- und Influenza-B-Viren im Körper.
Wandlungsfähigkeit von Grippeviren
Grippeviren gehören zu den wandlungsfähigsten Erregern, die bekannt sind. Die Entwicklung gänzlich neuer Typen ist zwar selten, aber extrem gefährlich. Meist springen dabei irgendwo in der Welt Viren von Vögeln oder Schweinen auf den Menschen über. Wenn sie in dessen Körperzellen auf andere, ältere Grippeviren treffen, kann sich die Erbinformationen vermischen und neue Erreger hervorbringen.

chs/Reuters/dpa/AFP

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