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Wissenschaft

Heißer Frühling

April auf dem Weg zum Rekordmonat

Der Klimawandel gewinnt an Fahrt: Der April wird aller Voraussicht nach der heißeste in Deutschland seit 119 Jahren sein. Mancherorts näherten sich die Temperaturen der 30-Grad-Marke. Forscher raten, insbesondere in Großstädten Maßnahmen gegen künftige Hitzewellen zu ergreifen.

Mittwoch, 29.04.2009   10:37 Uhr

Berlin/Bochum - Hitzewellen in Frankfurt oder Berlin, Überschwemmung im Hamburger Hafen: Der Klimawandel stellt die deutschen Großstädte nach Ansicht des Deutschen Wetterdienstes (DWD) vor immense Herausforderungen. "Der Klimazug rollt nicht nur, er fährt immer schneller", sagt DWD-Präsident Wolfgang Kusch. Der April 2009 sei wahrscheinlich der wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1890. "Wenn die kommenden zwei Tage ausfallen wie erwartet, haben wir einen neuen Rekordmonat", so Kusch. Bisher galt der April 2007 als wärmster seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Damals lag die Durchschnittstemperatur um 4,2 Grad über dem langjährigen Mittel.

Nach Angaben des Wetterdienstes Meteomedia wird der April diesmal drei bis sechs Grad wärmer als normal. Am wenigsten Abweichung gebe es an der Nordsee und im äußersten Westen; aber in der Mitte Deutschlands - Hessen, Niedersachsen, Thüringen, Sachsen bis nach Brandenburg - könnte der Monat bis zu sechs Grad wärmer ausfallen als im langjährigen Mittel. Fast hochsommerlich warm war es laut Meteomedia seit Mitte April in mehreren Orten: Am Ostersonntag (12. April) habe der Spitzenwert im südhessischen Bensheim 27,7 Grad betragen, in Köln-Porz-Wahn seien am 15. des Monats 27,1 und in Bendorf am Mittelrhein 26,8 Grad erreicht worden. Am 27. April stiegen die Temperaturen im brandenburgischen Bestensee sogar auf über 28 Grad.

Auch im Jahresdurchschnitt waren die Temperaturen nach DWD- Berechnungen zuletzt deutlich gestiegen. Über die vergangenen 120 Jahre lagen sie im Schnitt bei 8,3 Grad Celsius. "In den letzten 20 Jahren aber wurde dieser Mittelwert fast immer übertroffen", sagte Kusch. Auch das Jahr 2008 sei mit 9,5 Grad deutlich zu warm gewesen.

Die Minderung des Kohlendioxidausstoßes kann den Klimawandel nach Meinung der Experten nicht mehr aufhalten. Daher müssten sich vor allem die Großstädte auf veränderte Bedingungen einstellen. "Stadtplaner müssen jetzt schon die künftigen Auswirkungen des Klimawandels berücksichtigen", forderte DWD-Statistiker Paul Becker.

Nach den DWD-Berechnungen wird es vor allem in dicht bebauten Städten wie Berlin und Frankfurt am Main immer mehr warme Tage mit Temperaturen über 25 Grad und heiße Tage mit mehr als 30 Grad geben. "Mitte des Jahrhunderts könnte in Frankfurt jeder sechste Tag im Jahr wärmer als 25 Grad Celsius sein", sagte Becker.

Im Hamburger Hafen drohen der Prognose zufolge Überschwemmungen, durch längere Hitzeperioden in vielen Städten auch gesundheitliche Schäden. Auf diese Gefahren müssten die Städte reagieren - etwa durch mehr Arkaden, schattenspendende Baumgruppen und viele kleine Grünflächen über die Stadt verteilt. Auch mit Alleen könne man auf die neuen Herausforderungen reagieren - und kühlere, saubere Luft aus dem Umland in die Städte leiten.

Die Experten empfehlen gar, dass Menschen innerhalb von fünf Gehminuten im Freien schattige Zonen aufsuchen können, um mögliche gesundheitliche Schäden zu vermeiden. Damit die Städteplaner auf diese Klimaveränderungen reagieren können, hat der DWD erstmals für eine Großstadt - in diesem Fall Frankfurt am Main - ein entsprechendes Computermodell entwickelt. "Das könnten beispielsweise mehr Arkaden oder auch Sonnensegel auf der Frankfurter Zeil sein", sagte Becker. Denn die Menschen würden angesichts der heißen Aussichten verstärkt Schattenplätze suchen.

"Eine klimaverträgliche Stadt benötigt einen Grünflächenanteil von mindestens einem Viertel ihres Gebiets, denn diese wirken der städtischen Wärmeinsel entgegen", sagte der DWD-Statistiker. Hierfür reiche aber nicht ein zentraler großer Park: "Es kommt darauf an, viele grüne Inseln mit mindestens einem Hektar Fläche zu schaffen. Ein solches Netz von kühlen Inseln hilft auch zu verhindern, dass bei weiter steigenden Temperaturen die überhitzten Bereiche einer Stadt zusammenwachsen."

mbe/dpa/ddp

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