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Wissenschaft

Jane Goodall über "Fridays for Future"

"Die Erde ist in einem miserablen Zustand"

Jane Goodall ist eine lebende Legende und viel mehr als die Schimpansen-Forscherin, als die sie einst berühmt wurde. Hier erzählt sie, was sie von "Fridays for Future" hält und welchen Rat Eltern unbedingt beherzigen sollten.

Sven Hoppe/dpa

Jane Goodall im Juni 2019 in München: Von der Sekretärin zum Superstar

Ein Interview von
Samstag, 29.06.2019   19:34 Uhr

Eine junge, blonde Frau sitzt auf Waldboden, ihr gegenüber ein Schimpanse. Die beiden schauen sich tief in die Augen.

Dieses Bild haben die Menschen vor Augen, wenn sie den Namen Jane Goodall hören. In den Sechzigern hat die Britin als erster Mensch überhaupt wilde Schimpansen beobachtet - und das nicht aus sicherer Entfernung im Zoo, wie andere Forscher. Sie setzte sich im Dschungel von Tansania mitten in eine Gruppe Menschenaffen. Die Aufnahmen von Goodall und den Schimpansen gingen um die Welt.

An einem Sonntag im Juni 2019 hat Goodall den harten Untergrund im Wald gegen eine bunte, bequeme Couch in den Büroräumen eines edlen Münchner Lampenbauers getauscht. Die Firma gehört der Frau eines PR-Mitarbeiters, der für Goodall in Deutschland Veranstaltungen organisiert. Im Vorraum hängen große Kronleuchter mit Swarovski-Steinen von der Decke, gläserne Lampen stehen auf dem Tisch. Goodall wirkt hier wie ein Fremdkörper.

Sie ist inzwischen 85 Jahre alt. Schmale Statur, weiße, nach hinten gebundene Haare - aus etwas Entfernung macht die Grand Dame des Artenschutzes kaum Eindruck. Mit ihrer olivgrünen, viel zu großen Arbeiterbluse und der einfachen, hellbraunen Hose passt sie besser in den Dschungel als in die schicken Büroräume. Doch mit dem Leben in der Wildnis hat sie abgeschlossen. Heute reist sie 300 Tage im Jahr um die Welt, um Menschen für den Tier- und Umweltschutz zu begeistern.

In München führt sie schon den zweiten Tag in Folge Interviews wie am Fließband. Zehn bis zwanzig Minuten redet sie mit einem Journalisten, lässt sich fotografieren, bewundern, ausfragen. Dann kommt der nächste und stellt Fragen. Zur Begrüßung nickt Goodall freundlich und bietet einen Platz auf dem Sofa an. Sie entschuldigt sich, dass ihre Stimme heiser ist. Es sei ein anstrengender Tag.

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Frau Goodall, in Europa sorgt die "Fridays for Future"-Bewegung um Greta Thunberg für großes Aufsehen. Stimmt sie das zuversichtlich?

Goodall: Junge Menschen dafür zu begeistern, sich mit Umweltschutz auseinander zu setzen, halte ich für enorm wichtig. Diese nächste Generation wird bestimmen, wie es künftig auf der Erde aussieht. Ich habe deshalb schon in den Neunzigern das Projekt "Roots and Shoots" gegründet. Kinder in 60 Ländern organisieren sich darin, auch in Deutschland. Sie pflanzen Bäume, lobbyieren gegen Plastiktüten oder dafür, Palmöl nachhaltig anzubauen. Was immer ihnen einfällt. Diese jungen Leute sind überall, die Bewegung um Greta ist eine von vielen weltweit.

SPIEGEL ONLINE: Aber überdurchschnittlich erfolgreich.

Goodall: Greta hatte diese Idee, dass Kinder während der Schulzeit demonstrieren gehen. Das ist sehr verlockend für den Nachwuchs und hinterlässt großen Eindruck in der Öffentlichkeit. Das ist gut. Einige der Leute von "Fridays for Future" sind auch wirklich sehr engagiert. Ich weiß allerdings nicht, wie viele dieser Kinder sich tatsächlich für den Klimawandel interessieren oder wie viele einfach nur gern schulfrei haben.

SPIEGEL ONLINE: Sollten die Kinder lieber am Wochenende auf die Straße gehen?

Goodall: So war das nicht gemeint. Ich finde es gerechtfertigt, Unterricht ausfallen zu lassen, um für Umweltschutz zu demonstrieren. Trotzdem würde ich gerne jedes Kind fragen, warum es protestiert. Ich kenne eine Mutter aus Australien, deren Tochter gern mit demonstrieren wollte. Sie hat ihre Tochter gefragt, was sie der Regierung mitteilen wolle und die Tochter wusste es nicht. Also durfte sie nicht mitlaufen.

Ich wünsche mir, dass die Kinder den Sinn hinter den Aktionen wirklich begreifen, damit sie sich auch langfristig einsetzen.


Goodalls Lebensweg gleicht in Teilen einem Märchen. Nachdem sie als Kind "Tarzan" gelesen hatte, träumte sie davon, Tiere im Dschungel zu beobachten. Doch das war zur Nachkriegszeit für eine junge Frau nicht vorgesehen. Goodall besuchte zunächst eine Schule für Sekretärinnen. Als sich schließlich die Möglichkeit bot, einen ehemaligen Schulkameraden in Kenia zu besuchen, fing sie an zu kellnern, um sich die Reise zu finanzieren.

In Kenia lernte Goodall 1957 den Paläoanthropologen Louis Leakey kennen. Eine Begegnung, die ihr Leben verändern sollte.

Leakey wollte mehr über die Fähigkeiten von Vormenschen erfahren und dazu wilde Schimpansen studieren. Goodalls Wissen über Tiere, dass sie sich mit den Jahren angelesen hatte, und ihr unvoreingenommener Blick überzeugten ihn, sie in den Dschungel zu schicken. Obwohl Goodall keinen Hochschulabschluss hatte, machte sie dort erstaunliche Beobachtungen.

Sie entdeckte, dass Schimpansen Werkzeuge benutzen - eine Fähigkeit, die zuvor nur modernen Menschen zugesprochen wurde. Außerdem beobachtete Goodall die Tiere beim gemeinsamen Jagen und bei Kämpfen mit anderen Affengruppen. Anfang der Sechziger ermöglichte Leakey ihr, mit einer Sondererlaubnis an der Cambridge University zu promovieren.

An der Universität hagelte es Kritik an ihren Forschungsmethoden. Allein die Tatsache, dass sie den Schimpansen Namen gegeben hatte statt Nummern, bezeichneten Kollegen als unwissenschaftlich. Sie zweifelten auch an Goodalls Erkenntnis, dass jeder Schimpanse einen eigenen Charakter hat. Goodall ließ sich davon nicht beirren, schloss ihre Doktorarbeit 1965 ab und kehrte zurück in die Wildnis, um ihren Traum weiter zu leben.


SPIEGEL ONLINE: Als Sie vor rund sechzig Jahren in den Dschungel gegangen sind, um wilde Schimpansen zu erforschen, haben viele Verhaltensforscher Sie nicht ernst genommen. Sehen Sie Parallelen zu Greta, die heute gegen einige Vorurteile kämpfen muss?

Goodall: Ich musste nicht kämpfen. Ich habe einfach meinen Traum verfolgt, in Afrika mit Tieren zu leben und Bücher darüber zu schreiben.

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SPIEGEL ONLINE: Es war Ihnen vollkommen egal, dass andere Forscher der Meinung waren, alles was sie machten, sei falsch?

Goodall: Ich war es seit meiner Kindheit gewohnt, dass die Leute meine Ideen nicht mochten. Schon als ich zehn Jahre alt war, haben mir Erwachsene erklärt, ich könne nicht in den Dschungel gehen, weil Mädchen das nicht täten. Aber ich hatte eine Mutter, die mir immer wieder gesagt hat, dass ich alles tun könne, wenn ich hart dafür arbeite und die Gelegenheiten nutze, die sich mir bieten. Das ist eine wirklich wichtige Lehre: Unterstützt eure Kinder, versucht nicht, sie zu etwas zu drängen, was sie nicht machen wollen. Und wenn sie ihre Meinung ändern, unterstützt sie auch dabei.


Goodall hat einen Sohn, der zunächst bei ihr in Tansania aufwuchs und später - während sie in Afrika weiterforschte - in einem Internat in Großbritannien zur Schule ging. Sie wird häufig als Vorkämpferin für Gleichberechtigung dargestellt, weil sie sich in der männlich dominierten Wissenschaftswelt durchgesetzt hat. Goodall sieht sich aber nicht als Feministin.

Im Gespräch wehrt sie sich beharrlich gegen die Annahme, sie habe sich gegenüber Männern behaupten müssen. Es sei nie ihr Ziel gewesen, in deren Welt einzudringen, sagt sie. Deshalb habe es ihr auch niemand schwer gemacht. Als sie in Cambridge lebte, habe sie nur ein Anliegen verfolgt: zurück in den Dschungel zu gehen. Dort habe es keine Männer gegeben, gegenüber denen sie sich hätte behaupten müssen.


SPIEGEL ONLINE: Sie sind inzwischen 85 Jahre alt. Warum setzten Sie sich nicht zur Ruhe?

Jane Goodall: Die Erde ist in einem miserablen Zustand. Dagegen müssen wir etwas unternehmen und ich habe einen großen Vorteil gegenüber vielen anderen Menschen: Mir hören die Leute zu. Es geht um die Zukunft unserer Kinder, Enkel und Urenkel. Wenn wir weiter machen wie bisher, werden sie keine Zukunft haben. Das Zeitfenster, das uns bleibt, um den Problemen entgegen zu wirken, schließt sich allmählich.

Julia Merlot/ SPIEGEL ONLINE

"Das Zeitfenster, das uns bleibt, schließt sich allmählich."

SPIEGEL ONLINE: Das klingt düster. Ihr aktuelles Vortragsprogramm trägt aber den Titel "Reasons for Hope". Haben sie noch Hoffnung?

Goodall: Noch haben wir die Chance, etwas zu verändern. Schäden, die wir in der Umwelt angerichtet haben, können heilen, solange wir die Natur nicht immer weiter zerstören.

Um das zu erreichen, müssen die Menschen gemeinsam aktiv werden. Sie müssen begreifen, dass jeder als Individuum einen Unterschied macht - jeden einzelnen Tag. Jeder kann entscheiden, was er kauft. Er kann sich überlegen, ob ein Produkt günstig ist, weil Kinder es hergestellt haben, er kann Plastiktüten vermeiden und Dinge wiederverwenden. Jeder hat eine Wahl.

SPIEGEL ONLINE: Einen großen Teil der Umweltzerstörung und des CO2-Ausstoßes verursacht die Industrie. Sind politische Lösungen da nicht viel wichtiger?

Goodall: Es braucht beides. Die Bevölkerung hat durchaus Einfluss auf die Politik und kann durch Demonstrationen und Wahlen Druck aufbauen. Unabhängig davon können Verbraucher mit dem, was sie kaufen direkt etwas verändern und beispielsweise die Macht großer Firmen eindämmen, die umweltschädlich produzieren: Wenn man die Art und Weise nicht mag, wie eine Firma ihre Produkte herstellt, darf man diese nicht kaufen. Verbraucher haben große Macht.

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Dass Goodall in der Öffentlichkeit gut ankommt, liegt wohl auch daran, dass sie nicht dogmatisch ist und ihr Gegenüber ernst nimmt und respektiert. Sie selbst ernährt sich vegetarisch und setzt sich dafür ein, dass die Menschen ihren Fleischkonsum zumindest reduzieren. Mitte der Achtziger hat sie angefangen, sich für den Ökotourismus in Ostafrika zu engagieren.

Sympathiepunkte bringt ihr auch ihr feiner Humor. Goodall lacht, wenn sie erzählt. In Interviews erklärt sie gern, dass sie enttäuscht ist, weil Tarzan die falsche Jane geheiratet habe. Sie hat zwei Ehen hinter sich. Die erste wurde geschieden, ihr zweiter Mann starb 1980 an Krebs. Die Zeit danach empfand sie nach eigenen Angaben als die schwerste ihres Lebens.


SPIEGEL ONLINE: Schaut man sich die internationale Politik an, weckt das wenig Hoffnung. US-Präsident Donald Trump hält wenig von Klimaschutz, Jair Bolsonaro will Teile des Amazonas-Regenwaldes zur Abholzung freigeben.

Goodall: Wir gehen durch eine dunkle Zeit. Trump und Bolsonaro rücken die Welt weiter nach rechts, zerstören die Umwelt und riskieren Kriege. Das ist gefährlich, weil die Menschen dadurch die Hoffnung verlieren. Wer keine Hoffnung hat, setzt sich für nichts mehr ein. Das wäre das Ende für unseren Planeten. Je weniger Hoffnung die Menschen haben, desto wichtiger wird mein Job, ihnen zu zeigen, dass sie etwas verändern können.



Nach 20 Minuten Gespräch willigt Goodall ein, noch ein paar Fotos zu machen. Die nächste Journalistin wartet schon auf ihr Interview. Die Tür öffnet sich, zwei Hunde laufen in den Raum. Goodall schenkt ihnen sofort ihre volle Aufmerksamkeit, die Verabschiedung geht unter. In der Nähe der Tiere wirkt Goodall befreit, alles um sie herum scheint für einen Moment vergessen.

Es sind nur wenige Sekunden, die erahnen lassen, warum Goodall sich so wohl fühlt im Dschungel und dort so erfolgreich war. Dann kehren ihre Gedanken zum Interviewmarathon zurück. "Ich werde morgen in Paris keine Stimme mehr haben und du bist schuld", sagt sie zu einem ihrer Mitarbeiter ohne Boshaftigkeit in der Stimme. Es war nicht der letzte anstrengende Tag. Doch Jane Goodall lässt sich nicht beirren.

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