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Wissenschaft

Leben ohne Licht

Geheimnisvoller Pilz wuchert erstmals im Labor

Teile seines Erbguts fanden sich in zahlreichen Bodenproben, doch den Organismus selbst lernten Wissenschaftler erst jetzt kennen: Ein weit verbreiteter Bodenpilz ist erstmals im Labor gezüchtet worden. Seine genauen Lebensumstände geben jedoch noch Rätsel auf.

UMICH/ Evan Dougherty
Freitag, 12.08.2011   11:12 Uhr

Ann Arbor - Das Erbgut von Archaeorhizomyces finlayi war für Wissenschaftler ein alter Bekannter. "Du konntest kaum eine Bodenprobe nehmen, ohne Spuren davon zu finden", sagt Timothy James von der University of Michigan. Doch wie der Organismus aussieht, dem die weit verbreitete DNA gehört, das konnten Forscher erst jetzt im Fachmagazin "Science" berichten.

Einem internationalen Team ist es erstmals gelungen, den Pilz im Labor zu züchten. Anna Rosling vom Uppsala BioCenter in Schweden und ihre Kollegen stießen durch Zufall auf den mysteriösen Bodenbewohner. Sie untersuchten Mykorrhizae - das sind Pilze, die an Pflanzenwurzeln leben und mit den Pflanzen eine Symbiose eingehen. Dabei entdeckten sie an einigen Wurzeln auch Hinweise auf einen ungewöhnlichen Pilz. Und der entpuppte sich später als der weit verbreitete, aber dennoch unbekannte Organismus.

Der Pilz wächst ausgesprochen langsam und bildet keine Sporen, die sich über die Luft oder das Wasser verbreiten, wie das die meisten Pilze tun. Daher gelangt wahrscheinlich kein Teil des Pilzes jemals ans Tageslicht.

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass es eine ganze Klasse dieser Pilze gibt - die Archaeorhizomyceten. Doch entdeckt und wissenschaftlich beschrieben wurde erst einmal nur A. finlayi.

Etwas langweilig - aber wichtig

Mit welchen Organismen der Pilz am nächsten verwandt ist, konnten die Forscher auch ermitteln. Dazu zählen die von Zellbiologen als Modellorganismus geschätzte Hefe Schizosaccharomyces pombe sowie Pneumocystis-Schlauchpilze - von denen ein Vertreter bei Menschen mit geschwächten Immunsystem Lungenentzündungen auslösen kann.

Über die Lebensumstände von A. finlayi können die Forscher noch nichts Genaues sagen - aber sie können einiges ausschließen: Er gebe keine Hinweise darauf, dass er ein Krankheitserreger sei und ebenso deute nichts darauf hin, dass er Symbiosen eingeht. "Es ist ein etwas langweiliger Pilz", sagt Forscher James. Es sei wahrscheinlich, dass der Pilz das gleiche erledigt wie ein großer Teil seiner Verwandtschaft: abgestorbene Pflanzenreste zersetzen. Das sei aber eine extrem wichtige Arbeit.

Auch wenn die Wissenschaftler noch nicht genau wissen, wie Archaeorhizomyces finlayi lebt, ist eines klar: "Weil er so oft im Boden vorkommt, muss er mit dem, was er tut, sehr erfolgreich sein - und eine ökologisch wichtige Rolle haben", sagt Anna Rosling.

Forscher gehen davon aus, dass noch sehr viele unentdeckte Pilzarten existieren - Rosling und ihre Kollegen schreiben, dass wohl erst ein Zehntel der Artenvielfalt der Pilze wissenschaftlich erfasst sei.

wbr

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