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Wissenschaft
Knochensplitter

Ökologie

Das Gleichgewicht des Fressens

Mauricio Anton

Säbelzahntiger töten ein Mammut-Junges: Raubtiere als Regulativ

Von
Mittwoch, 28.10.2015   09:02 Uhr

Die Riesen unter den eiszeitlichen Tieren waren wohl unangreifbar für Beutejäger. Doch was hielt sie dann davon ab, das Land regelrecht leer zu fressen? Neue Studien behaupten: riesige Raubtiere, die ebenfalls tonnenschwere Beute rissen.

Das Ende der eiszeitlichen Megafauna beschäftigt Forscher schon seit dem 19. Jahrhundert. Die Debatten um die Aussterbewelle des ausgehenden Pleistozän drehen sich im Kreis: Entweder, man gibt dem Wetter die Schuld - oder uns.

Unstrittig ist, das es zur fraglichen Zeit zu massiven Veränderungen des Klimas und der Umwelt kam. Aber starben Mammut und Mastodon, Riesenhirsch und Säbelzahntiger, Höhlenlöwe und Donnervögel, Riesenfaultiere und Wollnashörner tatsächlich deshalb aus? Dagegen spricht, dass sie (und ihre Vorfahren) mehrere ähnlich krasse Klimawandel problemlos überlebten.

Unstrittig ist auch, dass das Aussterben der Megafauna in vielen Gebieten mit dem ersten Auftreten des modernen Menschen zusammenfiel. Eine soeben von einer Forschergruppe um Todd Surovell von der Universität Wyoming im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences" (PNAS) veröffentlichte Studie unterstreicht das einmal mehr. Sie ist eng verknüpft mit parallel veröffentlichten Studien, die weitere ökologische Aspekte thematisieren.

Der Mensch als Faktor: Das "wandernde" Sterben

Surovells Gruppe beschreibt die Aussterbewelle der nord- und südamerikanischen Megafauna als Bewegung von Norden nach Süden über einen Zeitraum von mehreren Tausend Jahren - analog zur Wanderbewegung des von Asien über die Beringstraße kommenden Menschen. Waren wir also das viel zitierte "schlimmste aller Raubtiere", das ganze Gattungen hinweg-konsumierte?

Die Indizien sprechen dafür, behauptet die Studie - aber völlig schlüssig sind sie auch nicht. Denn zum einen zeige der fossile Befund hier und da Rückgänge der Tierpopulationen, bevor der Mensch vermutlich einwanderte. Zum anderen gebe es an manchen Orten Anzeichen menschlicher Populationen, die aber kaum einen Einfluss auf den Tierbestand hatten. Erst von einem bestimmten Zeitpunkt an ist der "ökologische Fußabdruck" des Menschen so messbar, dass er offenbar ganze Biotope veränderte.

Womöglich brachte er schlicht das ökologische Gleichgewicht ins Kippen.

Denn eine Umwelt mit so allgegenwärtiger Megafauna brauchte natürlich ihre Balance. Das zeigt ein Blick ins heutige Afrika: Wo sich dort durch Verlust von Weideflächen Großsäuger unnatürlich konzentrieren, haben diese das Potenzial, eine Landschaft komplett zu verwüsten - bis hin zur Veränderung regionaler Klimata.

Fragile Balance: Riese frisst Riese

Auch die Riesen der eiszeitlichen Megafauna hätten doch die Welt leer fressen müssen, sollte man denken: Ab einer gewissen Größe dürften Tiere wie Wollnashorn oder Mammut ohne natürliche Feinde gewesen sein. Warum breiteten sie sich nicht so weit aus, bis sie ihre Biotope regelrecht rasierten?

Weil ihnen gegenüberstehend Riesen-Raubtiere die Balance bewahrten, behauptet die ebenfalls in PNAS erschienene Studie einer Forschergruppe um Blaire Van Valkenburgh und V. Louise Roth von der Duke University.

Mauricio Anton

Jungtierjagd: Wurde Smilodon mit tonnenschwerer Beute fertig?

"Hyperkarnivore", die im Extremfall die doppelte Körpermasse heutiger Tiger, Löwen oder Hyänen erreichten, seien eben doch mit weit größerer Beute fertig geworden als bisher gedacht, glauben die Forscher. Jungtiere bis zu einer Tonne Gewicht hätten sogar von einzelnen Räubern erlegt werden können. Im Rudel jedoch, so die Forscher, hätten die Großräuber auch noch ein neun Jahre altes Mastodon von zwei Tonnen Gewicht erlegen können.

Ob beispielsweise Säbelzahnkatzen Rudeljäger waren, weiß in Wahrheit kein Mensch. Die der Studie zugrunde liegende Modellrechnung deutet jedoch stark darauf hin: Stabil bleiben die Populationen der Megafauna darin rechnerisch nur, wenn man sowohl von Rudeljagd als auch von Beutetieren bis zu einer bisher unvermuteten Größe ausgeht. Das Ökosystem des Pleistozän funktionierte, solange genügend viele Riesen genügend viele Riesen fraßen.

Diese Balance führte zu einer spezifischen Landschaftsgestalt, aber auch dazu, dass Großsäuger diese nicht übermäßig abweiden konnten. Als der Störfaktor Mensch diese Balance zum Wanken brachte, mag er eine Kaskade von Ereignissen verursacht haben, die nicht nur die eiszeitliche Sterbewelle verursachte.

Terraforming: Sterben verändert die Welt

In einer dritten Studie dokumentiert eine Gruppe um Anthony Barnosky von der University of California, Berkeley, in der aktuellen Ausgabe der PNAS die mittel- und langfristigen Folgen einer so massiven Veränderung der Fauna. Die Forscher dokumentieren darin, wie das Massenaussterben der eiszeitlichen Megafauna das ganze ökologische System für mehrere Tausend Jahre destabilisierte. Eine vierte Forschergruppe um Elisabeth S. Bakker von der Uni Wageningen widmete sich besonders der Frage, was der Wegfall so einer Megafauna für die Ausbreitung von Wäldern bedeutet.

Vor allem das Wegfallen der Riesen unter den grasenden Tieren veränderte die Landschaften demnach massiv. Sie besetzten eine Schlüsselposition im Biotop: Nicht nur, weil sie Flächen offen hielten und Lebensräume auch für andere Tierarten prägten, sondern auch dadurch, dass sie selbst bestimmte Pflanzen verbreiteten, während sie die Ausbreitung anderer verhinderten.

Das alles sei nicht nur relevant für Tierschützer, die sich etwa um den Erhalt afrikanischer Elefanten sowie der großen weidenden Herden in den Savannen bemühten. Paläoökologische Studien wie die hier kurz vorgestellten ließen auch wichtige Rückschlüsse darüber zu, wie sich etwa Klimawandel in bestimmten Biotopen auswirken werde - und wo und mit welchen Mitteln man stabilisierend und erhaltend dagegenhalten müsse.

Denn das zeige der fossile Befund klar: Das Verschwinden von Megafauna verändere die Welt - mit Konsequenzen für die Landschaftsgestalt und alles, was darin lebe.

insgesamt 29 Beiträge
wo_st 28.10.2015
1. Säbelzahltiger
Säbelzahltiger sollte wohl ein Säbelzahltiger sein...
Säbelzahltiger sollte wohl ein Säbelzahltiger sein...
festuca 28.10.2015
2.
Es ist inzwischen wohl unstrittig, dass Homo sapiens schon ein paar Jahrtausende früher als lange gedacht in Amerika auftrat. Das waren aber keine spezialisierten Großtierjäger, erst das Auftreten der Clovis-Kultur schuf dann [...]
Es ist inzwischen wohl unstrittig, dass Homo sapiens schon ein paar Jahrtausende früher als lange gedacht in Amerika auftrat. Das waren aber keine spezialisierten Großtierjäger, erst das Auftreten der Clovis-Kultur schuf dann in kurzer Zeit tabula rasa. Das Argument betr. der heute noch in Nord-Amerika anzutreffenden Großsäuger wie Grizzy, Bison und Elch zieht nicht - diese kamen zusammen mit dem Menschen aus Asien über die Beringlandbrücke, man "kannte" sich schon lange. M.E. müssen wir uns die Medallie selbst anheften, die These von den achso naturverträglich wirtschaftenden Naturvölkern ist eine esoterische Spinnerei.
Tiananmen 28.10.2015
3.
@wo_st: kann man nicht ausschließen...
@wo_st: kann man nicht ausschließen...
dritter_versuch 28.10.2015
4. Säbelzahltiger
Ich denke, es waren eher Säbelzahntiger ;-)
Zitat von wo_stSäbelzahltiger sollte wohl ein Säbelzahltiger sein...
Ich denke, es waren eher Säbelzahntiger ;-)
dritter_versuch 28.10.2015
5. Ja
Ja, den fehlten nur die Mittel. Ohne Pferde ganze Bisonherden auszulöschen ist schwierig.
Zitat von festucaEs ist inzwischen wohl unstrittig, dass Homo sapiens schon ein paar Jahrtausende früher als lange gedacht in Amerika auftrat. Das waren aber keine spezialisierten Großtierjäger, erst das Auftreten der Clovis-Kultur schuf dann in kurzer Zeit tabula rasa. Das Argument betr. der heute noch in Nord-Amerika anzutreffenden Großsäuger wie Grizzy, Bison und Elch zieht nicht - diese kamen zusammen mit dem Menschen aus Asien über die Beringlandbrücke, man "kannte" sich schon lange. M.E. müssen wir uns die Medallie selbst anheften, die These von den achso naturverträglich wirtschaftenden Naturvölkern ist eine esoterische Spinnerei.
Ja, den fehlten nur die Mittel. Ohne Pferde ganze Bisonherden auszulöschen ist schwierig.

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  • Frank Patalong ist seit 1999 bei SPIEGEL ONLINE, bis 2011 als Leiter des Ressorts Netzwelt. Fossilien seiner Arbeit finden sich aber auch in den Archiven der Wissenschaft, Kultur, Politik und anderer Ressorts, denen er heute als Autor zuarbeitet. An der Paläontologie fasziniert ihn, wie sie über den Umweg der Popkultur Interesse an wissenschaftlichen Themen weckt und wachhält.
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