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Wissenschaft

Kurioser Meeresbewohner

Forscher finden 100 Millionen Jahre alten Schleimaal

Schleimaale sehen aus wie Würste mit Saugmaul und gelten als lebendes Abbild des Vorfahren von Mensch, Vogel, Fisch. Doch stimmt das? Ein Fossil weckt Zweifel.

Tetsuto Miyashita / University of Chicago

Fossil eines Schleimaals

Donnerstag, 24.01.2019   04:36 Uhr

Zugegeben, Schleimaale sind nicht die schönsten Tiere. Sie erinnern an pinkfarbene Schläuche. Tagsüber verharren sie meist eingegraben im Meeresboden und kommen nur nachts hervor. Statt Schuppen umhüllt sie eine dicke Schleimschicht. Augen, einen Kiefer oder Zähne haben sie nicht, stattdessen reißen sie mit einer Art hornbesetzter Zunge Fleischstücke aus ihrer Beute. Taucht ein Feind auf, können sie das Wasser um sich herum blitzschnell in eine Schleimwolke verwandeln, die die Kiemen der Gegner verstopft.

Diese Lebensweise ist so erfolgreich, dass sich die Tiere in den vergangenen Jahrmillionen kaum verändert haben. Ammoniten, Dinosaurier, Riesenfaultiere: Die Schleimaale haben alle überlebt. Und genau das macht die Tiere so interessant für Zoologen, denn sie gelten als der Ursprung der Wirbeltiere. Schleimaale besitzen zwar bereits einen skelettähnlichen Aufbau, dieser beschränkt sich aber auf nur wenige knorpelige Strukturen.

imago

Schleimaal

War der Vorfahre aller Wirbeltiere ein Schleimaal?

Forscher streiten seit Jahrzehnten leidenschaftlich darüber, welcher Platz den Schleimaalen im Stammbaum der Tiere gebührt. Die einen, die sich vor allem auf Fossilfunde stützen, halten sie für eine Art Prototyp der Wirbeltiere. Das würde bedeuten, dass alle Fische und Wirbeltiere - also auch der Mensch - einen gemeinsamen Vorfahren hatten, der in etwa so aussah wie ein Schleimaal.

Die anderen argumentieren, Schleimaale seien so seltsam, dass sie eine eigene Abzweigung im Stammbaum der Tiere bekommen müssten. Die Forscher beriefen sich vor allem auf DNA-Analysen, die die Schleimaale eher in eine Reihe mit den Neunaugen stellen. Neunaugen gehören ebenfalls zu den ursprünglichen Wirbeltieren und haben keinen Kiefer. (Die Evolution des Kiefers ist eine spannende Geschichte, mehr dazu lesen Sie hier.) Der gemeinsame Vorfahre der Wirbeltiere hätte demnach eher wie ein Fisch ausgesehen.

Nun haben Forscher der University of Chicago ein 100 Millionen Jahre altes Fossil entdeckt, das diese Frage klären könnte, berichten sie im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences".

Der Fund ist extrem selten. Normalerweise bleiben die eher weichen Schleimaale nicht erhalten. Bei dem nun untersuchten Exemplar fanden sich sogar Rückstände der Schleimschicht. Diese enthielt viel Keratin, ein Stoff, aus dem auch Fingernägel bestehen.

"Wir haben nun ein Fossil, das den ursprünglichen Bauplan für Schleimaale um 100 Millionen Jahre zurückdatiert", sagt Forscher Tetsuto Miyashita. Nun gebe es auch den fossilen Beweis, dass der Aufbau der Tiere schon vor Millionen von Jahren eher dem der blutsaugenden Neunaugen ähnelte.

Die Forscher gehen deshalb davon aus, dass die Rundmäuler ihren Aal-ähnlichen Körperbau und ihre ungewöhnliche Ernährungsweise erst entwickelten, als sie sich schon vom Stammbaum der Wirbeltiere getrennt hatten. Damit wäre unser Ur-Ur-Ur-Ahne kein schleimiges Urtier, sondern ein Fisch.

koe

insgesamt 10 Beiträge
Leser161 24.01.2019
1. Versteh ich nicht
"Wir haben nun ein Fossil, das den ursprünglichen Bauplan für Schleimaale um 100 Millionen Jahre zurückdatiert...dass der Aufbau der Tiere schon vor Millionen von Jahren eher dem der blutsaugenden Neunaugen ähnelte...Die [...]
"Wir haben nun ein Fossil, das den ursprünglichen Bauplan für Schleimaale um 100 Millionen Jahre zurückdatiert...dass der Aufbau der Tiere schon vor Millionen von Jahren eher dem der blutsaugenden Neunaugen ähnelte...Die Forscher gehen deshalb davon aus, dass die Rundmäuler ihren Aal-ähnlichen Körperbau und ihre ungewöhnliche Ernährungsweise erst entwickelten, ...." Wenn ich ein Auto von 2000 und eins von 1950 habe die beide 4 Räder haben und wissen will wieviele Räder die 1900 hatten und dann eins von 1925 finde, das auch 4 Räder hatte. Wieso ist das ein Hinweis das die 1900 aber drei Räder hatten?
permissiveactionlink 24.01.2019
2. Heute,
gut 550 Millionen Jahre nach der kambrischen Explosion, leben noch vier Gruppen von ursrünglichen Tieren auf der Erde, mit denen wir als Wirbeltiere enger verwandt sind : Da sind zum einen die beiden Gruppen der kopflosen [...]
gut 550 Millionen Jahre nach der kambrischen Explosion, leben noch vier Gruppen von ursrünglichen Tieren auf der Erde, mit denen wir als Wirbeltiere enger verwandt sind : Da sind zum einen die beiden Gruppen der kopflosen Chordatiere, die Lanzettfischchen (Branchostomatidae), die in jedem Biologiekurs im Grundstudium als vermeintliche Vorfahren der höherentwickelten Wirbeltiere vorgestellt werden, und die Manteltiere (Tunicata). Die beiden anderen Gruppen besitzen bereits Köpfe, und dabei handelt es sich um die Rundmäuler (Cyclostomata), zu denen die Neunaugen und die Schleimaale (Inger) gehören, sowie die höheren Fische mit echtem Kiefer (Gnathostomata), zu denen wiederum die Knorpelfische, Chondreichthyes (Haie, Rochen, Chimären) mit dem größten rezenten Fisch (Walhai) sowie die Knochenfische,Osteichthyes (unter ihnen ist der Mondfisch der größte). Die Frage, die sich im Artikel stellt ist, ob sich die echten Fische aus den Rundmäulern evolutiv durch die Entwicklung von echten Kiefern weiterenwickelt haben (dann wären sie tatsächlich unsere Vorfahren), oder ob sich Rundmäuler und kiefertragende Fische aus gemeinsamen Vorfahren getrennt entwickelt haben. Da es in der Evolution stets Seitenlinien gibt, die auch heute noch Überlebende besitzen, ist es keinesfalls sicher, dass wir direkte Nachfahren der Lanzettfischchen, Manteltiere oder Rundmäuler sind. Verwandt mit ihnen sind wir aber allemal. Die Abspaltung der Rundmäuler vor der Entwicklung der Kiefertragenden Fische ist sehr wahrscheinlich. Die langgestreckte Körperform, die Schleimproduktion der Inger und die parasitäre Lebensweise der Neunaugen sind Anpassungen, die erst lange (!) nach Abspaltung der Rundmäuler von den restlichen Wirbeltieren auftraten.
rudolfsikorsky 24.01.2019
3.
Die Rundmäuler sind ein Seitenzweig der primitiven Wirbeltiere ( die Wirbeltiere nahmen ihren Anfang mit den Lanzettfischen ) weil sie die Knochen im Laufe der Entwicklung verloren haben und somit eine isolierte Richtung [...]
Die Rundmäuler sind ein Seitenzweig der primitiven Wirbeltiere ( die Wirbeltiere nahmen ihren Anfang mit den Lanzettfischen ) weil sie die Knochen im Laufe der Entwicklung verloren haben und somit eine isolierte Richtung eingeschlagen haben. Die Rundmäuler spalteten sich zu einer Zeit vom Haubtstamm der Wirbeltiere als die Wirbeltiere noch keinen Kieferaparat entwickelt hatten. Der Haubtstamm entwickelte sich dann weiter und spaltete sich auf in die Linien der Nackengelenkfische ( ausgestorben) der Stachelhaie ( ausgestorben) der Knorpelfische und der Knochenfische. Von den Knochenfische spalteten sich dann die Quastenflosser ab die dann zu den Ahnen der Amphibien Reptilien und Säugetiere wurden. Steht alles sehr schön und klar in einem kleinen Illustrierten Büchlein aus DDR Zeiten. Versteh ich nicht warum man heutzutage an allem herumdeuten muss .
kormoran 24.01.2019
4. Ein paar Dinge missverstanden?
@Leser161: Das sehe ich genau so! Welchen Rückschluss auf die Verwandschaftsverhältnisse lässt ein 100 Millionen Jahre junges Fossil zu, wenn die entscheidende Trennung schon vor über 500 Millionen stattgefunden hat? [...]
@Leser161: Das sehe ich genau so! Welchen Rückschluss auf die Verwandschaftsverhältnisse lässt ein 100 Millionen Jahre junges Fossil zu, wenn die entscheidende Trennung schon vor über 500 Millionen stattgefunden hat? Ursprünglich ist der Bauplan bei einem 100 Millionen Jahre alten Fossil längst nicht mehr. Die letzten Sätze des Artikels sind besonders verworren. Ich vermute, dass der Autor eine Pressemeldung nicht verstanden und ihren Inhalt kräftig durcheinandergewirbelt wiedergegeben hat.
permissiveactionlink 24.01.2019
5. #3, rudolfsikorsky
Dennoch : Seit René Descartes gehört der methodologische Skeptizismus zu den Fundamenten der Wissenschaften. De omnibus dubitandum est : man soll alles und jeden zunächst in Frage stellen. Dieser universelle, systematische bzw. [...]
Dennoch : Seit René Descartes gehört der methodologische Skeptizismus zu den Fundamenten der Wissenschaften. De omnibus dubitandum est : man soll alles und jeden zunächst in Frage stellen. Dieser universelle, systematische bzw. hyperbolische Skeptizismus ist überlebenswichtig. Er sorgt immer wieder für erstaunliche Paradigmenwechsel, weil gerade Querdenker immer wieder alles hinterfragen, was uns andere als unerschütterliche Dogmen eintrichtern wollen. Einsteins SRT oder ART gehören dazu, Darwins und Wallace's Erkenntnisse zur Evolution der Arten, Alfred Wegeners Kontinentalverschiebung (für dessen Vorstellung er öffentlich verhöhnt und gedemütigt wurde), aber auch die noch vergleichsweise jungen Erkenntnisse der beiden Herren Alvarez (Vater und Sohn) zum Einschlag eines Asteroiden an der Grenze zwischen Kreide und Tertiär auf der Halbinsel Yucatan. Da werden schonungslos Argumente ausgetauscht (ausgeteilt und eingesteckt), mit mal mehr und mal weniger harten Bandagen, und das ist auch gut so. Festgefahrene Dogmen sind ein gefährlicher Hemmschuh für die wissenschaftliche Erkenntnis.

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