Schrift:
Ansicht Home:
Wissenschaft

Tiefseemonster

Tintenfisch-Koloss besitzt größtes Auge der Tierwelt

Das Tiefseewesen verblüfft die Forscher: Ein vor der Antarktis gefangener Kolosskalmar hat ein 27 Zentimeter großes Auge - ein Rekord. Derzeit wird das Tier von Forschern in Neuseeland aufgetaut und seziert. Gibt es noch mehr Überraschungen?

Mittwoch, 30.04.2008   14:19 Uhr

Wer im Dunkeln etwas sehen will, braucht eine große Linse. Was für Fotografen zutrifft, gilt auch für Kolosskalmare, wie ein internationales Forscherteam jetzt festgestellt hat. Das Tier der Art Mesonychoteuthis hamiltoni besitzt ein Auge so groß wie ein Servierteller, der Durchmesser beträgt 27 Zentimeter. "Das ist das größte im Tierreich bekannte Auge", sagte Kat Bolstad, Kalmar-Experte von der Auckland University of Technology.

Es handle sich um das erste intakte Auge eines Kolosskalmars, das Wissenschaftler untersuchen konnten, erklärte Bolstad. Die Linse sei so groß wie eine Orange, ergänzte Eric Warrant von der schwedischen Universität Lund, ein Experte für Sehorgane wirbelloser Tiere. Die Linse könne eine große Menge Licht in den Tiefen des Ozeans einfangen, wo die Tiere jagen.

Der acht Meter lange und 500 Kilogramm schwere Kalmar wird derzeit am Neuseeländischen Nationalmuseum Te Papa in Wellington untersucht. Im Februar 2007 hatten Fischer das Tier im Rossmeer nahe der Antarktis gefangen. Der Kolosskalmar habe noch gelebt, als er an Bord gehievt worden sei, berichteten die Fischer. Er sei dabei gewesen, einen Hecht zu verspeisen, der an einem Haken der Langleine hing. Der ungewöhnliche Fang wurde sofort eingefroren, um ihn später eingehend an Land untersuchen zu können.

Mesonychoteuthis hamiltoni trägt zu Recht einen noch beeindruckenderen Beinamen als der bekanntere Riesenkalmar Architeuthis dux, denn die Mantellänge ist größer. Zoologen unterscheiden Kalmare nach der Länge des röhrenförmigen Mantels, der Tentakel und der Krallen der Tiere. Von Gesamtlängen bis zu 20 Metern wird berichtet, wobei die Angaben wegen der dehnbaren Tentakel variieren können. Wegen ihrer Größe werden die Tiere auch immer wieder als Tiefseemonster bezeichnet.

Einen kleineren Cousin aus der Gattung der Riesenkalmare stellte "Archie" mit über acht Metern Länge dar, der in einem gläsernen Tank im Londoner Natural History Museum ausgestellt wird. Auch im Stralsunder Meeresmuseum ist ein Kalmar zu sehen.

Bislang ist das Geschlecht des in Neuseeland untersuchten Kolosskalmars noch nicht bekannt. Der Wissenschaftler Bolstad erklärte aber, es handle sich "wahrscheinlich um ein Weibchen, weil diese größer werden als Männchen". Davon gehe man zumindest derzeit aus. Die Forscher wissen nur sehr wenig über die Tiefseegiganten. Weltweit wurden bislang nur eine Handvoll Mesonychoteuthis hamiltoni gefangen.

In den vergangenen Tagen haben die Wissenschaftler den Kolosskalmar langsam aufgetaut. Die Untersuchungen werden per Video dokumentiert, Interessierte können den Forschern via Internet bei ihrer Arbeit über die Schulter sehen. Das Tier soll auch noch seziert werden, unter anderem, um das Geschlecht zu ermitteln und mehr über die Fortpflanzung der Tiere zu erfahren. Ende der Woche wollen die Forscher die vorläufigen Ergebnisse der Untersuchung der Öffentlichkeit vorstellen.

hda/AP

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP