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Wissenschaft

737-Max-Unglück in Äthiopien

Problem-Software war beim Absturz eingeschaltet

Die Hinweise verdichten sich, dass das umstrittene MCAS-Trimmsystem der Boeing 737 Max 8 den Flugzeugabsturz in Äthiopien mitverursacht hat. Einem Medienbericht zufolge lief die Automatik, als das Flugzeug aufschlug.

AFP

Die Boeing 737 Max bleibt weiter am Boden

Freitag, 29.03.2019   09:44 Uhr

Bei der Auswertung der Blackbox der verunglückten Boeing 737 Max von Ethiopian Airlines gibt es offenbar ein erstes Zwischenergebnis. Demnach war das umstrittene MCAS-System angeschaltet, als das Flugzeug auf die Erde schlug. Das berichtet das "Wall Street Journal" unter Berufung auf Expertenkreise. Die Anti-Stall-Einrichtung wird auch für den Absturz einer Lion-Air-Boeing in Indonesien im Oktober 2018 verantwortlich gemacht.

MCAS soll eigentlich verhindern, dass Piloten die Nase des Flugzeugs unabsichtlich so hochziehen, dass es zu einem gefährlichen Strömungsabriss an den Flügeln kommt. Steigt das Flugzeug zu steil, greift die Technik selbstständig in die Höhensteuerung ein und senkt die Nase ab.

Es besteht der Verdacht, dass das System sowohl die im März verunglückte Ethiopian-Airlines-Maschine als auch die Lion-Air-Boeing gegen den Willen der Piloten immer wieder nach unten drückte. Bei den beiden Abstürzen starben insgesamt 346 Menschen. Offiziell soll der erste Zwischenbericht zur Blackbox-Auswertung kommende Woche erscheinen, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters.

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Boeing hat bereits angekündigt, das MCAS-System anpassen zu wollen. Ein Softwareupdate soll verhindern, dass das System die Flugzeugnase immer und immer wieder nach unten drückt und damit gegen die Befehle der Piloten arbeitet. Zudem will das Unternehmen eine optionale Sicherheitsfunktion, die zuvor nur gegen Aufpreis erhältlich war, nun serienmäßig anbieten.

Angehörige eines Todesopfers in Äthiopien haben Boeing inzwischen verklagt. Sie werfen Boeing vor, das automatisierte Flugsteuerungssystem fehlerhaft entworfen zu haben.

Behörden kannten MCAS-Probleme offenbar seit Jahren

Diskutiert wird im Zusammenhang mit den beiden Abstürzen auch, ob das Training, das Boeing Piloten der 737 Max zur Verfügung stellt, ausreicht. Behörden in den USA untersuchen derzeit den Zulassungsprozess, den die Flugzeuge vor dem ersten Start mit Passagieren durchlaufen müssen. Es besteht der Verdacht, dass Boeing Einfluss auf die Ergebnisse hat.

Reuters berichtet zudem, dass sowohl amerikanische als auch europäische Behörden bereits mindestens zwei Jahre vor dem Absturz der Lion-Air-Maschine von Problemen mit MCAS gewusst hätten. Ihnen sei bekannt gewesen, dass das System in bestimmten Situationen versagen könnte. Die Nachrichtenagentur beruft sich auf ein Dokument der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (Easa).

Die Easa hat das Flugzeug demnach zugelassen, weil sie davon ausging, dass das vorgeschriebene Training den Piloten klarmachen würde, wie sie die Automatik abschalten können. Vor dem Absturz der Lion-Air-Maschine fehlte ein entsprechender Hinweis jedoch im Handbuch der Boeing 737 Max.

Nach dem Unglück in Indonesien veröffentlichte Boeing schließlich eine entsprechende Handreichung, die in allen fraglichen Maschinen ausgelegt werden musste. Das warf zuletzt auch die Frage auf, inwiefern die Piloten des verunglückten Ethiopian-Airlines-Fluges eine Mitschuld am Absturz tragen (mehr dazu lesen Sie hier).

In vielen Staaten muss die Boeing 737 Max derzeit am Boden bleiben, auch in Europa und den USA. Flüge ohne Passagiere sind jedoch erlaubt.

jme/Reuters

insgesamt 66 Beiträge
gammoncrack 29.03.2019
1. Etliche Foristen haben ja schon mitgeteilt,
dass sie keinesfalls mehr in eine Boeing 737 MAX einsteigen würden. Unabhängig davon, ob man das, ohne auf den Kosten sitzen zu bleiben, realisieren kann, frage ich ich mich, ob sie denn in einen Airbus A320 einsteigen würden. [...]
dass sie keinesfalls mehr in eine Boeing 737 MAX einsteigen würden. Unabhängig davon, ob man das, ohne auf den Kosten sitzen zu bleiben, realisieren kann, frage ich ich mich, ob sie denn in einen Airbus A320 einsteigen würden. Heute morgen kamen im TV wieder mehrere Folgen von "Alarm im Cockpit". Ich empfehle hierzu einmal folgenden Artikel: https://de.wikipedia.org/wiki/Air-France-Flug_296 Auch hier war die die Software des Airbus mitursächlich für den Absturz. Trotzdem habe ich noch nicht gehört, dass deswegen jemand nicht in den A320 einsteigen würde, noch nicht einmal kurze Zeit nach dem Absturz. "Weitere Ermittlungen ergaben, dass das Flugzeug in dem Moment, in dem die falsche Sinkrate in den Autopiloten eingegeben wurde, in kleine Turbulenzen geriet, wodurch eine Sicherheitsfunktion des Autopiloten ausgelöst wurde, die dazu führte, dass die Sinkrate weiter erhöht wurde." und weiter "Der Abschlussbericht der Untersuchungskommission kritisierte ausdrücklich das Cockpit-Design und führte zu Verbesserungen (Anzeige des Gleitwinkels durch zwei Ziffern und der Sinkgeschwindigkeit durch vier Ziffern). Auch die VOR-Antenne, die zu Fehlanzeigen im Cockpit führen konnte, wurde geändert." https://de.wikipedia.org/wiki/Air-Inter-Flug_148
toll_er 29.03.2019
2. Passt alles
Zwei Abstürze mit hunderten Toten. Vor wenigen Tagen musste eine 737 max wegen 'Triebwerksproblemen' nach dem Start umkehren. Probleme mit der Software/Automatik/Trimmsystem sind bekannt. Schulung war aus Kostengründen [...]
Zwei Abstürze mit hunderten Toten. Vor wenigen Tagen musste eine 737 max wegen 'Triebwerksproblemen' nach dem Start umkehren. Probleme mit der Software/Automatik/Trimmsystem sind bekannt. Schulung war aus Kostengründen unzureichend. Sorry, nicht die Schulung ist relevant, sondern die fehlerhafte Software. Und die Lufthansa hält an den Bestellungen fest.Super! Und es scheint, dass nicht die Ursache behoben wird, sondern mit Softwareänderungen als Pflaster, Dann fliegt mal schön mit den Dingern, wenn sie wider zugelassen werden.... Ich nicht.
Zauberlehrling 29.03.2019
3. Zum technischen Verständnis
Der Ryanair-Captain und Pilotenausbildner Petter Hörnfeldt ("Mentour Pilot") erläutert ausführlich die Prozedur des manuellen Trimmens einer Boeing 737 NG. Vorher wird der Horizontal Stabilizer erklärt. Gut [...]
Der Ryanair-Captain und Pilotenausbildner Petter Hörnfeldt ("Mentour Pilot") erläutert ausführlich die Prozedur des manuellen Trimmens einer Boeing 737 NG. Vorher wird der Horizontal Stabilizer erklärt. Gut verständliches Englisch, auch für Interessierte geeignet. Die 737-NG-Modelle sind die verbreitetsten Verkehrsflugzeuge. Runaway Stabilizer!! How to stop MCAS (vor einer Woche hochgeladen) https://www.youtube.com/watch?v=xixM_cwSLcQ Er benutzt dafür einen NG-Simulator (ab Video-Laufzeit 16:50 min). Bei Laufzeit 18:40 wird eingeblendet: "This action [STAB TRIM switches to "CUT OUT"] would also disengage MCAS." Diese Schalter sind sehr leicht erreichbar (untere Mittelkonsole), aber mit Plastik-Clips gesichert (vorher werden sie deutlich hergezeigt). Hätten das nur die Piloten der verunglückten MAX gewusst… Man kann sehen, wie sich der Auszubildende bemüht, das offenbar recht schwergängige Drehrad (Trim-Wheel) des Horizontal Stabilizers zu bedienen (Laufzeit 19:00), außerdem scheint seine Armablage im Weg zu sein; der Kapitän muss ihm dabei helfen. Der Störfall "Runaway Stabilizer" tritt ein, wenn die Automatik aus irgendwelchen Gründen Amok läuft. Stabilizer https://en.wikipedia.org/wiki/Stabilizer_(aeronautics) Eine Trim-Wheel Umdrehung bei ausgeschaltetem Elektromotor über Seilzug bedeutet einen Verstellwinkel von lediglich 0,1 Grad. Ist der Motor nicht ausgeschaltet, kann MCAS z. B. gleich 25 davon auf einmal machen. Das bedeutet, dass der fliegende Pilot 25mal dagegenkurbeln muss, um Gleichstand herzustellen. Kurz, aber heftig (diesmal in einer echten Boeing): B737 Runaway Stabilizer. Grasp and Hold technique https://www.youtube.com/watch?v=cQirIH_DuAs Interessant, wie trotz all der komplizierten Technik bestimmte Dinge an die guten, alten Luftschiffe erinnern. Der kräftige Körpereinsatz beim manuellen Trimmen der Boeing wirkt, wie auf den Videos zu sehen, fast ein wenig archaisch, und ich frage mich ernsthaft, ob zarter gebautes Pilotenpersonal dem überhaupt Herr wird, wenn es mal – buchstäblich – aus dem Ruder läuft.
maniag1 29.03.2019
4. @gammoncrack
Der Unterschied ist, dass der A320 alleine Flugfähig ist. Die 737 Max 8 ist es durch die neue Anbringung der Turbinen nicht. Deshalb erst existiert die MCAS Software. Diese wird immer vorhanden sein und immer eingreifen müssen.
Der Unterschied ist, dass der A320 alleine Flugfähig ist. Die 737 Max 8 ist es durch die neue Anbringung der Turbinen nicht. Deshalb erst existiert die MCAS Software. Diese wird immer vorhanden sein und immer eingreifen müssen.
jomai 29.03.2019
5. @toll_er
Die Lufthansa hält nicht an Bestellungen fest sondern schliesst die 737 MAX nicht grundsätzlich für zukünftige Bestellungen aus.
Die Lufthansa hält nicht an Bestellungen fest sondern schliesst die 737 MAX nicht grundsätzlich für zukünftige Bestellungen aus.

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