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Wissenschaft

Ethiopian-Airlines-Crash

Piloten befolgten Notfallplan - und wichen dann davon ab

Die Piloten der abgestürzten 737 Max hielten sich zunächst strikt an die Notfallanweisungen von Boeing, berichtet das "Wall Street Journal". Doch warum wurde das automatische Trimmsystem dann mehrfach wieder aktiviert?

Ted S. Warren / AP / dpa

Boeing 737 Max 8 im Landeanflug (hier ein Modell von Air Canada, Archivbild)

Mittwoch, 03.04.2019   09:42 Uhr

Noch liegt die vorläufige Auswertung der Flugdatenschreiber aus der verunglückten Ethiopian-Airlines-Maschine nicht offiziell vor. Doch das "Wall Street Journal" berichtet aktuell neue Details aus den letzten Minuten vor dem Absturz am 10. März und beruft sich dabei auf eine mit der Untersuchung vertraute Personen. Demnach haben sich die Piloten nach dem Auftreten von Problemen auf ihrem Flug zunächst an Notfallanweisungen von Boeing gehalten. Später seien sie jedoch von dieser Checkliste abgewichen und hätten ein elektronisches System zur Stabilisierung ihrer Boeing 737 Max 8 wieder eingeschaltet. Anschließend sei es zum Absturz gekommen.

Die Maschine war schließlich sechs Minuten nach dem Start in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba auf dem Boden aufgeschlagen. 157 Menschen aus über 30 Nationen starben. Erst fünf Monate zuvor, im Oktober 2018, war eine Boeing des gleichen Typs in Indonesien kurz nach dem Start verunglückt. Der Absturz der Lion-Air-Maschine kostete 189 Menschen das Leben.

Räder für Handsteuerung müssen viele Male gedreht werden

Bereits kurz nach dem Absturz des Flugzeugs von Ethiopian Airlines stand das MCAS-Trimmsystem unter Verdacht. MCAS soll eigentlich verhindern, dass Piloten die Nase des Flugzeugs unabsichtlich so hochziehen, dass es zu einem gefährlichen Strömungsabriss an den Flügeln kommt. Steigt das Flugzeug zu steil, greift die Technik selbstständig in die Höhensteuerung ein und senkt die Nase ab.

Bekannt war bereits, dass das MCAS-System zum Zeitpunkt des Absturzes der Ethiopian-Airlines-Maschine aktiv war. Das "Wall Street Journal" schreibt nun jedoch, dass es zuvor zumindest zeitweise ausgeschaltet gewesen sein soll. Die Piloten hätten die Elektronik unmittelbar nach dem Start deaktiviert und stattdessen versucht, das Flugzeug per Hand zu trimmen. Flugzeugbauer Boeing wollte sich nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters zunächst nicht zu der Sache äußern.

Software-Update verzögert sich

Für die manuelle Trimmung gibt es Räder mit Kurbeln im Cockpit, auf der Seite des Piloten und des Co-Piloten. Sie müssen allerdings viele Male gedreht werden, um den gewünschten Effekt zu erzielen.

Dieses Vorgehen entspräche auch den Notfallanweisungen, die Boeing nach dem Lion-Air-Absturz veröffentlicht hatte. Allerdings, so schreibt die Zeitung, sei die Elektronik später offenbar wieder eingeschaltet worden. Damit wäre die Crew von der Checkliste abgewichen. Die Gründe dafür seien derzeit nicht bekannt. Der Bericht beruft sich aber auf Experten in Regierung und Industrie, nach deren Einschätzung der manuelle Eingriff der Piloten offenbar nicht die gewünschten Erfolge gebracht habe.

Reuters berichtet unter Berufung auf mit der Untersuchung befasste Experten, das MCAS-System sei vor dem Absturz der Ethiopian-Airlines-Maschine bis zu vier Mal wieder eingeschaltet worden. Es sei aber nicht klar, ob die Crew für jedes dieser vier Male verantwortlich sei.

Boeing hat in den vergangenen Wochen an einem Software-Update für das MCAS-System gearbeitet. Damit sollen Flugaufsichtsbehörden davon überzeugt werden, der Boeing 737 Max wieder eine Starterlaubnis zu erteilen. Derzeit müssen die weltweit rund 350 Maschinen dieses Typs am Boden bleiben, nur Überführungsflüge ohne Passagiere sind erlaubt. Zuletzt zeichnete sich jedoch ab, dass die Genehmigung der Softwarelösung wohl noch einige Wochen in Anspruch nehmen dürfte.

chs/jme/Reuters

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