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Wissenschaft

Versprechen von Präsident Macron

Kann Notre-Dame in fünf Jahren wiederaufgebaut werden?

Präsident Macron gibt sich entschlossen: Die Restaurierung der Kathedrale Notre-Dame soll bis 2024 gelingen. Ein Blick auf den Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden zeigt, ob das realistisch ist.

Dan Kitwood/ Getty Images; Thomas Eisenhuth/ imago images

Notre-Dame in Paris nach dem Brand (links), Frauenkirche in Dresden nach dem Wiederaufbau

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Mittwoch, 17.04.2019   13:05 Uhr

Rauchende Trümmer, durch ein Loch in der Decke flutet Sonnenlicht, immerhin die hölzernen Bänke im Innenraum der berühmtesten Kirche Frankreichs stehen noch: Die ersten Bilder aus dem Inneren der Kathedrale Notre-Dame in Paris lassen den entstandenen Schaden nur erahnen. Zumindest die Struktur der Kirche scheint nach aktuellem Kenntnisstand gerettet zu sein. Doch hätte Notre-Dame nur 15 bis 30 Minuten länger gebrannt, wäre die komplette Zerstörung wahrscheinlich nicht mehr aufzuhalten gewesen.

Präsident Emmanuel Macron gibt sich dennoch zuversichtlich: Notre-Dame soll in fünf Jahren wieder aufgebaut sein, kündigte er an, im Jahr 2024 also. Vergleichbare Bauprojekte wecken Zweifel, dass dies möglich sein wird.

Ein gutes Beispiel ist die Frauenkirche in Dresden. Ähnlich wie Notre-Dame war der Prachtbau des Barocks durch einen Feuersturm zerstört worden. Am Vormittag des 15. Februar 1945 war die Frauenkirche nach den Luftangriffen auf Dresden in sich zusammengebrochen. Erst in den Neunzigerjahren kam die Entscheidung, die Kirche wiederaufzubauen.

Im Video: Erste Aufnahmen aus dem Inneren von Notre-Dame

Foto: Getty Images/ iStockphoto

"Wer ein solch bedeutsames Bauwerk wiederherstellen will, muss sich zunächst die Frage stellen, nach welchem Vorbild das Gebäude wiederaufgebaut werden soll", sagt Thomas Gottschlich, leitender Architekt der Frauenkirche, der die Wiederaufbauarbeiten seit 1997 begleitet hat. Für die Frauenkirche wurden mehrere Möglichkeiten diskutiert. Soll über der Ruine eine schützende Kuppel entstehen, um an die Zerstörungswut des Krieges zu erinnern? Ein moderner Betonbau, der nur von außen mit Sandstein verkleidet wird wie das Original? Oder soll alles wieder so aufgebaut werden wie im Original?

Am Ende entschieden sich die Verantwortlichen, die Frauenkirche originalgetreu zu rekonstruieren. Nur wie sah die Frauenkirche zum Ende des Krieges überhaupt aus? An die nötigen Pläne zu kommen und diese in ein neues Modell zu überführen, mit denen Architekten etwas anfangen können, war eine enorme Herausforderung.

Baupläne stammen aus dem 13. Jahrhundert

Im Fall von Notre-Dame dürfte dies einfacher sein. Zumindest vom Innenraum der Kirche liegen umfassende Pläne vor - auch digital. Bei den Bauplänen für den Dachstuhl sieht das anders aus. Diese stammen aus dem 13. Jahrhundert, heute sind nur noch vage Zeichnungen erhalten.

Eine weitere Herausforderung dürfte die Auswahl des richtigen Materials sein. Im Fall der Frauenkirche hatten die Bauherren Glück. Der Sandstein, der im 18. Jahrhundert verwendet wurde, stammt aus Sachsen und wird noch heute abgebaut. Durch aufwendige Analysen lokalisierten Forscher, welche Bereiche im Steinbruch infrage kommen. Zudem wurde eigens für die Restaurierung der Frauenkirche ein Anforderungskatalog entwickelt, den jeder einzelne Stein erfüllen musste. Selbst für die Größe der Fugen gab es strenge Vorgaben.

Im Fall von Notre-Dame wird es schwierig sein, das jahrhundertealte Eichenholz des Dachstuhls zu ersetzen. Gut 1300 Eichenstämme waren verbaut worden, weshalb der Dachstuhl auch den Beinamen "der Wald" trug. Einige Experten fordern bereits, das Dach aus Stahl wieder aufzubauen und nicht aus Holz, um die Kirche widerstandsfähiger gegen Brände zu machen. (Warum Notre-Dame so schnell brannte, lesen Sie hier.) Solche Dächer aus nicht brennbaren Baustoffen sind beim Wiederaufbau anderer Kirchen bereits zum Einsatz gekommen.

Pawel Kopczynski/ REUTERS

Im alten Glanz: So sieht die Frauenkirche in Dresden heute aus

"Es reicht jedoch nicht aus, an die ursprünglichen Materialien zu kommen. Man muss auch Experten finden, die mit den Materialien im Stil der Zeit umgehen können", erklärt Gottschlich. Auch in Frankreich wird bezweifelt, ob es genügend Facharbeiter für den schnellen Aufbau gibt.

Sind die Fachkräfte gefunden, bleibt der Spagat, die heutigen bautechnischen Anforderungen mit den historischen Bautechniken in Einklang zu bringen. Im Fall der Frauenkirche wollte niemand auf Strom- und Wasserleitungen oder eine Zentralheizung verzichten. Die modernen Installationen mussten sich jedoch in das historische Bild einfügen.

Foto: REUTERS

Die Bauarbeiten an der Frauenkirche zeigen das Ausmaß solcher Bauprojekte. Vom ersten Spatenstich im Jahr 1993 vergingen zwölf Jahre, bis die Frauenkirche wieder geweiht werden konnte, Planungszeit nicht inbegriffen.

Insgesamt verschlang das Riesenprojekt 180 Millionen Euro, den Großteil des Geldes steuerten Spender aus aller Welt bei. Auch für Notre-Dame wurde bereits großzügige Unterstützung zugesagt. "Solche Kosten lassen sich im Vorfeld nur schwer kalkulieren", erzählt Gottschlich. Während der Restaurierung können immer wieder neue kostspielige Probleme auftauchen. "Die Pariser stehen vor einer sehr komplexen und menschlich schwierigen Aufgabe", sagt Gottschlich. Denn schließlich müssten sich alle Beteiligten auf ein gemeinsames Ziel des Wiederaufbaus einigen und dieses über Jahre gemeinsam verfolgen.

insgesamt 106 Beiträge
spon-1261994582285 17.04.2019
1. Bedenkenträger
Herr Gottschlicht scheint nur Probleme zu sehen. 1. Geld ist genug da! Es dürfte locker 1 Milliarde zusammen kommen. 2. Der gesamte Dachstuhl wurde kürzlich digitalisiert. 3. Von der Frauenkirche gab es nur noch einen [...]
Herr Gottschlicht scheint nur Probleme zu sehen. 1. Geld ist genug da! Es dürfte locker 1 Milliarde zusammen kommen. 2. Der gesamte Dachstuhl wurde kürzlich digitalisiert. 3. Von der Frauenkirche gab es nur noch einen Trümmerhaufen; Nore dame steht bis auf den dachstuhl! 4. Es dürfte wesentlich mehr Konstruktions-Details über Notre dame geben als über die Frauenkirche. 5. Hier liegt ein internationales Interesse zur schnellenFertigstellung vor! Wir wollen hier nicht von Bauzeiten wie dem BER ausgehen.
matbhmx 17.04.2019
2. 'Tschuldigung, aber es ist zwar offensichtlich ...
... derzeit medial Saure-Gurken-Zeit und da stürzt man sich gerne auf ein solches Ereignis wie den Brand von Notre Dame. Objektiv ist das hoffnungslos übertrieben. Ein bedeutendes Baudenkmal ist in wesentlichen Teilen abgebrannt [...]
... derzeit medial Saure-Gurken-Zeit und da stürzt man sich gerne auf ein solches Ereignis wie den Brand von Notre Dame. Objektiv ist das hoffnungslos übertrieben. Ein bedeutendes Baudenkmal ist in wesentlichen Teilen abgebrannt - es kann allerdings wieder hergestellt werden, Menschen wurden, soweit ersichtlich, nicht getötet. Also lassen wir Mal die Kirche im Dorf. Und weshalb jetzt bereits 1 Mrd. € an Spendengeldern zur Verfügung stehen sollen, überall auf der Welt gespendet wird, obgleich ja, wenn der Brand durch die Bauarbeiten bedingt war, im Zweifelsfalle die hinter den Baufirmen stehenden Versicherungen den Schaden zu tragen haben werden, bleibt völlig unerfindlich. Sollte man doch erst einmal die Ermittlungen zur Brandursache abwarten und schauen, wer und ggf. in welchem Umfange haftet. Und dann sollte man erst einmal ein Architekten- und Ingenieursteam die erforderlichen Arbeiten und die sich daraus ergebenden Kosten ermitteln lassen. Und dann kann man sehen, wer von diesen Kosten was finanziert (weder die französischen katholische Kirche noch der französische Staat sind so arm, dass man ihnen nun unbedingt mit Spenden für den Wiederaufbau unter die Arme greifen müsste). Und wenn sich dann ein paar französische Milliardäre finden, die den Restbetrag aufbringen (dass die Wiederherstellung 1 Mrd. kosten soll, darf dann, wenn Notre Dame nicht von Grund auf neu aufgebaut werden soll, eher bezweifelt werden). Dass es daneben weltweiter Spenden bedürfte, darf bezweifelt werden. Schön wäre es, wenn z. B. die jetzige Spendenbereitschaft in Deutschland anhielte, um die vielen deutschen Baudenkmäler, die der dringenden Wiederherstellung oder Sanierung bedürfen, finanziell zu bedenken.
horeisl 17.04.2019
3. Keine Frage
Die Fragen, die Architekt Gottwald am Anfang bezüglich eines Wiederaufbaus der Frauenkirche erwähnte, stellt man sich nur in Deutschland. Anderswo heißt Wiederaufbau eben Wiederaufbau. Original, so wie's war. Eventuell mit [...]
Die Fragen, die Architekt Gottwald am Anfang bezüglich eines Wiederaufbaus der Frauenkirche erwähnte, stellt man sich nur in Deutschland. Anderswo heißt Wiederaufbau eben Wiederaufbau. Original, so wie's war. Eventuell mit Verbesserungen in der Struktur, aber sicher nicht beim Aussehen. Ich erwarte nichts anderes von den Franzosen im Hinblick auf den Wiederaufbau von Notre Dame. Im Ausland hat man bei diesen Dingen üblicherweise einen natürlicheren, unverkopfteren Zugang als hierzulande.
ichliebeeuchdochalle 17.04.2019
4.
Als gestern zwei Dombaumeister aus Deutschland im TV befragt wurden, meinten die auch, daß die Zahl derer, die das Handwerk in der nötigen Qualität können, sehr gering sei. Also: Zusammenschließen. Wir sind Teil der [...]
Als gestern zwei Dombaumeister aus Deutschland im TV befragt wurden, meinten die auch, daß die Zahl derer, die das Handwerk in der nötigen Qualität können, sehr gering sei. Also: Zusammenschließen. Wir sind Teil der Europäischen Union, Teil des europäischen Kontinents, Teil der europäischen Kultur. Notre Dame hat Bedeutung über Frankreich hinaus. Also laßt unsere Spezialisten das gemeinsam anpacken. Jeder gibt, was er kann und will, das gilt nicht nur fürs Geld. Es gilt auch für die Kunst des Handwerks.
MatthiasPetersbach 17.04.2019
5. Warum?
die Frage stellt sich mir, warum man das in 5 jahren wieder aufbauen sollte. Wen juckt das, ob das 10 Jahre länger dauert? Lange Bauzeit bedeutet ja nicht, daß man das schleifen lässt. Oder MUSS das nicht bedeuten. Wichtig [...]
die Frage stellt sich mir, warum man das in 5 jahren wieder aufbauen sollte. Wen juckt das, ob das 10 Jahre länger dauert? Lange Bauzeit bedeutet ja nicht, daß man das schleifen lässt. Oder MUSS das nicht bedeuten. Wichtig ist doch eher die sinnvolle Herangehensweise. Vielleicht sogar ein Wettbewerb wie schon angedacht.

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