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Wissenschaft

Russland

Waffentest setzte mehr Radioaktivität frei als bisher bekannt

Tagelang wurden kaum Informationen über den Atomunfall am Weißen Meer ausgegeben. Nun teilten die russischen Behörden mit: Das in der Natur vorkommende Niveau sei um das 16-Fache überschritten worden.

Dienstag, 13.08.2019   15:45 Uhr

Das russische Militär wollte offenbar am vergangenen Donnerstag einen neuen, atomar betriebenen Marschflugkörper des Typs SSC-X-9 "Skyfall" testen. Er war von Präsident Wladimir Putin als eine Art Wunderwaffe im Rüstungswettlauf mit den Vereinigten Staaten präsentiert worden. Doch der Versuch ging schief, es kam zu einer Explosion mit mindestens fünf Toten.

Bei der Explosion unweit des Ortes Njonoksa wurde offenbar mehr radioaktive Strahlung freigesetzt als bislang bekannt. Das in der Natur vorkommende Niveau sei in der Spitze um das 16-Fache überschritten worden, teilte der russische Wetterdienst Rosgidromet am Dienstag mit. Erhöhte Werte seien innerhalb von zwei Stunden gemessen worden.

Die Verwaltung der nordrussischen Stadt Sewerodwinsk am Weißen Meer hatte zuvor lediglich von einem kurzzeitigen Anstieg von bis zu einer Stunde gesprochen. Sewerodwinsk liegt ungefähr 30 Kilometer vom Testgelände entfernt. Dort werden unter anderem Russlands Atom-U-Boote gebaut. (Lesen Sie hier die Hintergründe zu dem Unglück.)

Viele Menschen der Gegend deckten sich nach dem Unfall mit Jodtabletten ein. Es gab auch im Ausland die Befürchtung, dass die russischen Behörden - wie in der Vergangenheit - nicht über das wahre Ausmaß informiert hätten.

Der Wetterdienst gab den Höchstwert der atomaren Verstrahlung mit 1,78 Mikrosievert pro Stunde an. Der natürliche Wert im Raum von Sewerodwinsk liege bei 0,11 Mikrosievert. Die Umweltorganisation Greenpeace sprach unter Berufung auf die Stadt von 2,0 Mikrosievert pro Stunde. Deren Experten hielten den Wert "an sich für nicht dramatisch". Es komme vielmehr darauf an, welche strahlenden Stoffe freigesetzt worden sein. Dazu gebe es aber keine offiziellen Angaben.

Der Kreml versicherte, dass alle Behörden die vollständige Sicherheit der Bevölkerung gewährleistet hätten. "Daran sollte kein Zweifel bestehen", sagte Sprecher Dmitri Peskow der Agentur Interfax zufolge.

Das Messnetz der im Aufbau befindlichen Organisation des Vertrages über das umfassende Verbot von Nuklearversuchen (CTBTO) hat die Explosion auch aufgezeichnet. Das hat die Organisation mitgeteilt. Drei seismische Stationen und eine Station zur Messung von Infraschall hätten das Ereignis in Njonoksa registriert. Messungen radioaktiver Isotope gab es dagegen nicht.

chs/dpa/Reuters

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