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Wissenschaft

Treffen mit "Apollo 16"-Astronaut

Charlie Duke vom Planeten Erde

Zwölf Menschen waren auf dem Mond, vier leben noch - einer von ihnen ist Charlie Duke. Wir haben mit ihm über die Angst um Neil Armstrong gesprochen, einen geheimnisvollen Traum - und ein Foto im Mondstaub.

Lukas Barth-Tuttas / EPA-EFE / REX

Charlie Duke in einem Nachbau des Mondautos (am 1. Juni 2019 in München)

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Sonntag, 21.07.2019   12:32 Uhr

Es gibt Fotos der ersten Mondlandung, die sich ins kollektive Gedächtnis der Menschheit eingeprägt haben. Neil Armstrongs Schritt auf den fremden Himmelskörper gehört zu diesen ikonografischen Bildern. Ein verwaschenes Schwarz-Weiß-Bild, das den Nasa-Astronauten am Fuß der Leiter von "Apollo 11" zeigt. Oder sein Kollege Buzz Aldrin, der später hell angestrahlt von der Sonne im grauen Mondstaub steht, hinter ihm die Schwärze des Alls. Im Helmvisier spiegeln sich die Landefähre und der fotografierende Armstrong.

Und dann gibt es noch eine Aufnahme von der Erde, aus dem Kontrollzentrum in Houston, Texas. Ein Mann mit Headset ist darauf zu sehen. Er wirkt angespannt, die Stirn liegt in Falten. Das Bild zeigt Charlie Duke. Als sogenannter Capcom war er für die Kommunikation zwischen den Astronauten der "Apollo-11"-Mission im Weltraum und dem Kontrollzentrum in Houston verantwortlich. Er war derjenige, der sich mit den Raumfahrern unterhielt - damit die nur einen einzigen Ansprechpartner auf der Erde hatten. Armstrong persönlich hatte ihn gebeten, diese Funktion zu übernehmen.

NASA

Duke im "Apollo"-Kontrollzentrum mit Kollegen James Lovell und Fred Haise

An einem Tag Ende Mai ist Raumfahrtlegende Charlie Duke im Technikmuseum Speyer gelandet. Die Deutsche Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt hat eingeladen. Er hat an diesem Tag bereits einen Vortrag vor einem Fachsymposium gehalten, eine Pressekonferenz absolviert, unzählige Fototermine, dann trifft er unter anderem den SPIEGEL noch zu einem Einzelgespräch.

Auf der Dachterrasse des Restaurants Hangar 10 sitzt der Astronaut an einem runden Holztisch. Trotz des strapaziösen Programms scheint er nicht müde. In Sichtweite sind auf dem Freigelände des Museums unter anderem eine Boeing 747 und eine Vickers Viscount 814 der Lufthansa auf Stahlstützen aufgebockt. Im Gespräch geht es um eine Zeit vor einem halben Jahrhundert, als die Vickers-Propellermaschine noch für die Kranich-Airline um die Welt flog, als der erste Jumbojet gerade seinen Jungfernflug hinter sich hatte. Es geht um den Sommer 1969.

Neil Armstrong, der Kommandant, sollte "Apollo 11" am 20. Juli 1969 auf die Mondoberfläche bringen. Doch fast wäre die Landung gescheitert, erinnert sich Duke. Der Computer der Landefähre war überlastet und schickte ständig Fehlermeldungen. Hinzu kam, dass am ursprünglich geplanten Zielort auf dem Mond gefährliche Felsen lagen. Hätte "Apollo 11" dort aufgesetzt, Armstrong und Aldrin wären gestorben. "Die Anspannung im Kontrollzentrum war unglaublich. Ich habe niemals solche Emotionen und so eine Spannung gefühlt."

Zwar konnte Armstrong durch ein Ausweichmanöver das Drama vermeiden. Doch die Rettungstat schuf ein anderes Problem: Beim Landeanflug wurde der spärlich bemessene Treibstoff am Ende sehr knapp, nur noch vier Prozent Sprit hatte Armstrong beim Aufsetzen der Fähre im Tank. Er selbst habe sich zwingen müssen, während der dramatischen Minuten so ruhig wie möglich zu bleiben, sagt Duke. Armstrong hingegen sei die ganze Zeit ruhig gewesen, selbst in der turbulentesten Phase der Landung. Duke scheint davon immer noch beeindruckt. "Es war, als ob er im Raum nebenan gestanden hätte", sagt er.

Der Rest ist Geschichte, Neil Armstrongs historische Worte nach der Landung kennt jeder: "Houston, Tranquility Base hier. Der Adler ist gelandet." Tranquility Base war der vorher nur wenigen Ausgewählten bekannte Name der Landestelle im Mare Tranquillitatis, Adler wurde die Mondfähre genannt. Duke und die Nasa-Leute im Kontrollraum wussten aber schon ein paar Sekunden vor der Ansage des Kommandanten, dass das Aufsetzen doch noch geklappt hatte. "Contact Light. Okay. Engine stop", mit diesen Worten hatte Aldrin knapp mitgeteilt, dass die Fähre auf dem Mond gelandet war.

"Es war eine große Befreiung", sagt Duke. In der Erleichterung passierte ihm dann ein kleiner Versprecher. "Roger, Tranquility", wollte er Armstrongs antworten. Doch er brauchte zwei Anläufe. "Roger, Twang,… Tranquility", stotterte er. Dann teilte Duke den Mondfahrern die Erleichterung im Kontrollzentrum mit: "Ihr habt hier ein paar Leute fast blau anlaufen lassen. Wir atmen wieder. Vielen Dank."

Fotostrecke

Spuren der Mondmissionen: So sehen die "Apollo"-Landestellen aus

Duke ist mittlerweile 83 Jahre alt. Er wirkt noch immer sehr präsent, wenn er im breiten Akzent der Südstaaten von seinen Erlebnissen spricht. Er berichtet präzise, scherzt selten. Im Gegensatz zu seinem "Apollo"-Kollegen Buzz Aldrin, der sich über die Jahre in eine Art Ein-Mann-Comedyshow verwandelt hat, merkt man ihm immer noch seine strenge Ausbildung als Kampfpilot und Luftfahrtingenieur an.

Beim Besuch in Speyer hat er seine blaue Astronautenjacke an. Auf der linken Brustseite prangt der United States Astronaut Badge in der Ausführung der Air Force, rechts das Logo der Mission "Apollo 16". Seiner Mission. Mit ihr ist er selbst auch zum Mond geflogen. Im April 1972 war das. Mit damals 36 Jahren war Duke der bis dato jüngste Mensch auf dem Erdtrabanten. Von den einst zwölf Moonwalkern des "Apollo"-Programms der Nasa leben heute nur noch vier. Duke ist einer von ihnen.

Als John F. Kennedy im September 1962 seine berühmte Rede an der Rice University in Texas hielt ("We choose to go to the moon"), als er ankündigte, dass noch im selben Jahrzehnt Amerikaner auf dem Mond stehen würden, da war Duke gerade als Pilot im deutschen Ramstein stationiert. "Ich glaubte nicht daran, dass wir das schaffen könnten." Doch schon im April 1966 wurde er als Astronaut ausgewählt. Und noch einmal sechs Jahre später, im April 1972, war er drauf und dran, auf dem Mond aufzusetzen.

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Sein Kommandant John Young sollte die Landefähre nach unten bringen und zum ersten Mal eine "Apollo"-Mission nicht in den flachen Weiten am Mondäquator aufsetzen, sondern im geologisch interessanteren, aber womöglich bei der Landung auch etwas gefährlicheren Hochland.

"Wir kamen in ein Gebiet, bei dem wir auf den Fotos vorher Objekte gesehen hatten, die größer als 15 Meter waren", erinnert sich Duke. Dennoch gelang es Young, die Fähre zu landen. Dabei half auch Glück. Die Crew verfehlte beim Anflug einen rund zwei Meter großen Krater nur knapp. Diesen hatte sie zuvor nicht einmal gesehen.

Dann der Ausstieg. "Ich bin auf dem Mond, ich bin auf dem Mond", das sei sein erster Gedanke beim Schritt auf den fremden Himmelskörper gewesen, sagt Duke.

Buzz Aldrin hatte den Mond bei seinen ersten Schritten im Sommer 1969 als "prächtige Einöde" beschrieben. So sieht es auch Duke. Die Mondoberfläche sei "die leerste Wüste, die ich jemals gesehen habe". Es habe einen "dramatischen Kontrast" gegeben zwischen der Helligkeit der Mondoberfläche und der Schwärze des Weltalls, sagt Duke.

Die Erde habe er übrigens so gut wie gar nicht gesehen - weil sie am Landeort direkt über ihm gestanden habe. "Und wenn man in einem 'Apollo'-Anzug direkt nach oben schaut, dann ist da einfach nur der Helm." Nur ein einziges Mal habe er einen Blick auf seinen Heimatplaneten werfen können - als er nach einem Sturz auf die Seite gefallen war. Es war ein gefährlicher Moment: Nur durch eine Drehung in letzter Sekunde hatte der Astronaut dabei verhindert, dass er vollends auf seinem Rücken landet. Dabei hätte der Rucksack mit den Lebenserhaltungssystemen des Raumanzugs zerstört werden können. Mit fatalen Folgen.

Überhaupt: Hatte er nie Angst, seinen Mondflug nicht zu überleben? "Es wäre mir gar nicht in den Sinn gekommen, dass wir nicht wieder zurückkommen", sagt Duke.

Daran kann man zumindest zweifeln. Denn auch bei seinem Besuch in Speyer berichtet Duke von einem Traum, der ihn schon vor seinem Einsatz heimgesucht hatte. Zusammen mit seinem Kollegen John Young sei er in diesem Traum im offenen Auto über die Mondoberfläche gefahren. Dabei sei ihnen eine Fahrspur aufgefallen, der sie für zwei Kilometer gefolgt seien. Dann hätten sie ein anderes Fahrzeug gesehen. Dem hätten sie sich genähert, sagt Duke, und zwei Astronauten in ihren Anzügen hätten daringesessen. Weil die Helmvisiere heruntergeklappt gewesen seien, habe man sie zunächst nicht erkennen können.

Nach dem Hochklappen dann die erschreckende Beobachtung: "Das war ich. Tot. Und die andere Person war John. Tot." Ein Albtraum sei es aber nicht gewesen - weil sie ihre Reise nach der schaurigen Beobachtung einfach fortgesetzt hätten. "Wir haben es zurück zur Erde geschafft." Seiner Frau Dottie hatte er von dem Traum damals lieber nichts erzählt, sagt er.

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Bei drei Einsätzen verbrachte Duke insgesamt 20 Stunden und 15 Minuten außerhalb der Mondfähre. Mit seinem Kollegen Young fuhr er im Mondauto durch raues Gelände - zum Glück, ohne Spuren im Sand zu finden. Sie sammelten 96 Kilogramm Gestein. Es war so viel, dass sie vor dem Rückflug mit dem Kontrollzentrum verhandeln mussten. In Houston zweifelte man, ob der Sprit für eine solche Last reichen werde. Er reichte.

Duke kam zurück zur Erde, und doch blieb ein Stück von ihm auf dem Mond: ein Familienfoto mit Dottie, mit der er inzwischen seit 56 Jahren verheiratet ist, und seinen beiden Söhnen Charlie und Thomas. "Das ist die Familie von Astronaut Charlie Duke vom Planeten Erde, der am 20. April 1972 auf dem Mond gelandet ist", hat er auf die Rückseite geschrieben.

Aber dass das noch zu erkennen ist, glaubt Duke nach eigenem Bekunden nicht, wegen der Temperaturextreme auf dem Mond. "Ich bin sicher, dass es nach 47 Jahren nur noch eine kleine schwarze Kugel ist."

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