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Wissenschaft

Interview zur Mondmission

"Wir stöbern auf dem Dachboden der Erde"

Der Mond steht wieder hoch im Kurs: 30 Jahre nach "Apollo 17" suchen europäische Forscher auf dem Mond nach Spuren der Erde. Im Interview erzählt Bernard Foing, Chefforscher der europäischen "Smart-1"-Mission, welche Geheimnisse und Visionen mit dem Erdtrabanten verbunden sind.

Mittwoch, 03.09.2003   17:25 Uhr

SPIEGEL ONLINE: Herr Foing, Anfang Oktober soll die erste europäische Mission zum Mond aufbrechen. Andere Nationen wie Japan oder Indien werden folgen. Woher kommt das neu entfachte Interesse am Erdtrabanten?

Bernard Foing: Der Mond ist noch immer voller Rätsel - ein faszinierendes Forschungsobjekt. Weder wissen wir genau, wie er entstanden ist, noch wie er sich im Zusammenspiel mit der Erde entwickelt hat. Auch seine Geologie und Rohstoffvorkommen sind unerforscht.

SPIEGEL ONLINE: Und alle diese Fragen wird die "Smart-1"-Mission klären?

Foing: Zumindest einige. "Smart-1" ist aber in erster Linie ein Technologiedemonstrator, mit dem eine neue Antriebstechnik für Raumsonden getestet werden soll. Das Motto lautet "schneller, schlauer, besser" - und das alles zu einem niedrigen Preis.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt der Mond dabei?

Foing: Er ist nun mal der nächste Himmelskörper. Außerdem kann er den Menschen viel über ihre Vergangenheit erzählen.

SPIEGEL ONLINE: Was soll uns Milliarden Jahre alter Staub lehren?

Foing: Zum Beispiel, wie die Erde vor 3,8 Milliarden Jahren aussah - just als das erste Leben entstand. Der Planet war damals heftigem Bombardement aus dem All ausgesetzt, irdische Materie könnte durch die Einschläge bis auf den Mond geschleudert worden sein, auf den Dachboden der Erde. Wer im Mondstaub stöbert, kann viel über den Blauen Planeten erfahren.

SPIEGEL ONLINE: Felsbrocken vom Mond hat die Nasa schon in den 70er-Jahren zur Erde gekarrt - und doch sind viele Fragen offen geblieben. War das Apollo-Programm so unergiebig?

Foing: Nein. Die Gesteinsproben, die Amerikaner und Russen mitbrachten, haben wertvolle Informationen über den Aufbau des Trabanten geliefert. Doch sie wurden alle auf der erdzugewandten Seite des Mondes entnommen, noch dazu ausschließlich in der Nähe des Äquators. Das ist, als ob Sie in der Sahara und in Tibet graben und davon auf die ganze Erde schließen wollen. Was fehlt, ist ein globales Bild des Mondes. Und das lässt sich nur mit Orbitern gewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin könnten Sie mit "Smart-1" erstmals die Überreste der Apollo-Landungen fotografieren - und damit all diejenigen ruhig stellen, die an der Mondlandung zweifeln.

Foing: Mal sehen, die Auflösung unserer Kamera liegt im Grenzbereich. Wenn die Sonne tief steht und die alten Landefähren lange Schatten werfen, könnte man sie vielleicht erkennen. Wir werden auf jeden Fall unsere Augen offen halten.

SPIEGEL ONLINE: Und falls Sie nichts finden?

Foing: Dann können wir uns immer noch auf den Standpunkt zurückziehen, dass unsere Instrumente einfach nicht gut genug waren. Oder wir sagen scherzhaft: Leute, wir haben danach gesucht, aber da war nichts...

SPIEGEL ONLINE: In Zukunft soll es nicht bei Luftaufnahmen bleiben. Private wie staatliche Raumfahrer denken über erste Landemissionen nach.

Foing: Meine Vision ist es, dass wir 2015 ein komplettes "Roboter-Dorf" auf dem Mond haben, mit ferngesteuerten Maschinen, mit künstlicher Intelligenz, mit Robotern, die sich unterhalten und eine Gemeinschaft bilden. Diese Maschinen könnten dann den Einzug der menschlichen Siedler fünf Jahre später vorbereiten.

SPIEGEL ONLINE: Warum sollen Menschen überhaupt zum Mond zurückkehren? Könnten die Roboter nicht mit weit weniger Risiko dasselbe leisten?

Foing: Natürlich sollten wir so gut es geht auf intelligente Maschinen setzen. Wenn Dinge repariert oder neue Lösungen entwickelt werden müssen, sind Menschen allerdings unschlagbar. Wichtig ist eine gute Zusammenarbeit von Mensch und Maschine. Das macht die Mondfahrt billig und kann Vorbild für bemannte Missionen zum Mars oder zu Asteroiden sein.

SPIEGEL ONLINE: Braucht es dazu gleich eine ständig bewohnte Mondsiedlung?

Foing: Wir sollten nicht den gleichen Fehler machen wie die Wikinger: Die haben Amerika entdeckt, sind zurück in die Heimat gesegelt und wurden von der Geschichte vergessen. Vielmehr sollten wir eine Zivilisation auf dem Mond aufbauen, von der alle Menschen auf der Erde profitieren können.

SPIEGEL ONLINE: Ein hehrer Plan.

Foing: Vor allem einer, der eines Tages die Menschheit retten könnte. Nach einer nuklearen Katastrophe wäre jahrzehntelang alles Leben auf der Erde ausgelöscht. Ein Zufluchtsort in der Nähe, auf dem Menschen und ausgewählte Tierarten diese Zeit verbringen könnten, wäre Gold wert. Ähnliches gilt für den Fall eines Asteroideneinschlags.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt jetzt aber sehr nach Science-Fiction.

Foing: Ich weiß nicht, ob ein Atomkrieg wirklich Science-Fiction ist. Und auch das Risiko eines Asteroideneinschlags mit weltweit dramatischen Konsequenzen ist - wie jüngste Berechnungen gezeigt haben - durchaus real. Hier könnte der Mond eine gewaltige Hilfe sein.

SPIEGEL ONLINE: Zieht es Sie denn auch selbst zum Mond?

Foing: Ja, klar. Allerdings ist der Mond, wenn er 2020 erstmals besiedelt wird, zunächst professionellen Astronauten vorbehalten. 20 Jahre später könnten in einem Monddorf aber deutlich mehr Menschen leben. Vielleicht kann ich dann ja mitfliegen - und mich auf dem Mond zur Ruhe setzen.

Das Interview führte Alexander Stirn

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