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Wissenschaft

Jeff Bezos' Raumfahrtpläne

Konkurrenz belebt das All

Geht's um private Raumfahrt, denkt man zuerst an Elon Musk und SpaceX. Dabei tüftelt Amazon-Milliardärskollege Jeff Bezos an mindestens genauso aufregenden Plänen. Unterschied: Der eine träumt vom Mars. Und der andere vom Geld.

REUTERS

Jeff Bezos in einer "New Shepard"-Kapsel

Von
Donnerstag, 06.04.2017   16:54 Uhr

In Amerikas Raumfahrt redet man gern von morgen und übermorgen, von Mond- und Marslandungen zum Beispiel. Doch die wahren, ganz praktischen Probleme hat man im Heute. Da ist zum Beispiel die Sache mit dem RD-180. Das ist ein Raketentriebwerk - und weil es in den "Atlas V"-Modellen von Lockheed Martin und Boeing steckt, mit denen US-Forschungssonden genauso ins All fliegen wie Spionagesatelliten oder das geheimnisvolle Weltraummobil X-37B, ist es eben ein ziemlich wichtiges Bauteil für das Raumfahrtprogramm der Vereinigten Staaten.

Dumm nur, dass das RD-180 in Russland gebaut wird.

Würde Moskau nicht mehr liefern wollen, müssten die "Atlas"-Raketen antriebslos am Boden bleiben. Was nützt einem schließlich, sagen wir mal, eine Chevrolet Corvette ohne Motor? Nach Moskaus Einmarsch auf der Krim im Frühjahr 2014 begriff man in Washington, dass diese Abhängigkeit von den Russen unpraktisch sein könnte. Ein amerikanisches Triebwerk sollte so schnell wie möglich die ebenso amerikanischen Raketen antreiben.

Und hier kommt Jeff Bezos ins Spiel. Er ist der Mann, der das Ding liefern soll.

Im Hauptberuf ist Bezos Chef von Amazon und zweitreichster Mensch der Welt. Im Nebenberuf besitzt er aber nicht nur die "Washington Post", sondern auch das Raumfahrtunternehmen Blue Origin. Diese Firma wiederum hat mit dem BE-4 einen Raketenantrieb entwickelt, der den "Atlas"-Raketen und auch dem geplanten Nachfolger "Vulcan" den nötigen Schub verschaffen kann.

Aber nicht nur das: Das Aggregat - "BE" steht übrigens für "Blue Engine" - soll auch eine riesige Rakete namens "New Glenn" antreiben. Mit der will Bezos' Firma selbst in den Erdorbit vorstoßen - und womöglich darüber hinaus.

Blue Origin, Blue Engine - das All einfach mal blau machen, das ist Bezos' Plan. Gerade hat der Milliardär auf dem Space Symposium in Colorado Springs angekündigt, in Zukunft eine Milliarde Dollar aus seinen Amazon-Reichtümern in das Weltraumgeschäft zu investieren. Und zwar pro Jahr.

Nach Angaben von Blue Origin arbeiten inzwischen mehr als 1000 Mitarbeiter für das Unternehmen. Ein "sehr robustes" Geschäftsmodell nennt Bezos seine angekündigten Finanzspritzen. Zur Erinnerung: Nach den Marktpreisen von Mittwoch ist sein 16,95-Prozent-Anteil an der Firma etwa 73,5 Milliarden Dollar wert.

Eine Milliarde Dollar pro Jahr für den Traum vom All. Für Bezos mag so eine Summe begreifbar sein, für die meisten anderen Menschen ist das ein kaum vorstellbarer Berg an Geld. Man kann ihn aber im Kontext verstehen: Die gesamten Entwicklungskosten für "New Glenn" schätzt Bezos auf 2,5 Milliarden Dollar. Die Entwicklung der neuen europäischen "Ariane 6" wiederum soll umgerechnet etwa 3,4 Milliarden Dollar kosten.

"Der entscheidende Knackpunkt bei einer Rakete sind die Antriebe", sagt Ulrich Walter vom Lehrstuhl für Raumfahrttechnik der Technischen Universität München, ein ehemaliger Wissenschaftsastronaut mit rund zehn Tagen All-Erfahrung. Im Fall der kraftvollen "New Glenn"-Rakete von Blue Origin, der Name erinnert übrigens an den kürzlich verstorbenen ersten US-Astronauten John Glenn, sollen sieben der neuen BE-4-Aggegate für Schub sorgen. So will Bezos bis zu 45 Tonnen schwere Fracht in eine niedrige Erdumlaufbahn bringen.

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Die bis zu 95 Meter hohe "New Glenn" ist nur wenig kleiner als die legendäre Nasa-Mondrakete "Saturn V" und die neue Nasa-Rakete SLS. Sie aber soll größer und kraftvoller werden als die "Falcon Heavy", an der die Konkurrenz von SpaceX unter Firmenchef Elon Musk arbeitet. Ein erster Start von Startkomplex 36 auf der Cape Canaveral Air Force Station in Florida ist für das Ende des Jahrzehnts geplant.

Einen ersten Transportvertrag hat Bezos freilich schon klargemacht. Der Europäische Satellitenbetreiber Eutelsat will 2021 oder 2022 mit der Rakete einen geostationären Satelliten ins All schicken. Eutelsat-Chef Rodolphe Belmer lobt den "fundierten Konstruktionsansatz" und die "Strategie der Entwicklung von Technologien" bei Blue Origin. Die Firma besitze eine klare Sichtweise und Einstellung, um im Wettbewerb in der Raketenbranche anzutreten.

Als zweiter Kunde hat Oneweb, Betreiber einer geplanten weltweiten Konstellation von Internetsatelliten, gleich mal fünf Starts bei Bezos gekauft. Der Satellitentransport, das sagt aber der Blue-Origin-Chef auch, soll für ihn und seine Firma eigentlich nur Mittel zum Zweck sein: "Mein einziger Fokus sind Menschen im All." Deswegen läuft auch die Entwicklung für eine Crew-Kapsel, die vorn auf der Rakete mitfliegen kann.

Bis zu 100 Starts nacheinander

Wie bei der "Falcon"-Raketen von SpaceX soll auch bei "New Glen" die erste Stufe wiederverwendbar sein. Nach dem Start soll sie aufrechtstehend landen - später und bis zu 100-mal wieder starten können.

100-mal. Das ist einerseits ein Versprechen, das Bezos erstmal einhalten muss. Andererseits ist das eine Zahl, von der sein Kollege Musk nur träumen kann. Die Raketenstufen von SpaceX sollen nach bisherigen Plänen zehn Mal hintereinander starten können - was, das muss man ebenfalls festhalten, schon sehr beeindruckend wäre.

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Wiederverwendbare Technik - das ist sowohl für Bezos als auch für Musk der Schlüssel zur Zukunft der Raumfahrt. Der Heilige Gral gewissermaßen. Musk hat schon mehrere seiner "Falcon"-Raketenstufen erfolgreich zur Erde zurückgebracht. Zuletzt ist es ihm sogar gelungen, mit einer wiederverwendeten Raketenstufe den Satelliten eines zahlenden Kunden ins All zu bringen - auch wenn er sich ein Jahr Zeit nahm, um die Technik wieder in Schuss zu bringen.

Bezos hat sich auf einem anderen Weg mit wiederverwendbaren Antrieben befasst - und zwar mit seinem Raumfahrtsystem "New Shepard". Hier erinnert der Name an den ersten US-Raumfahrer Alan Shepard - und wie Testpilot Shepard im Frühjahr 1961 in seinem "Mercury"-Raumschiff, soll auch der "New Shepard" die Erde nicht umrunden, sondern gerade so die Grenze zum Weltall erreichen.

Bis jetzt fliegt das kleine System unbemannt, doch schon bald sollen damit jeweils sechs Menschen in 100 Kilometer Höhe fliegen - und jeweils ein paar Minuten Schwerelosigkeit genießen können. Der Konkurrent Virgin Galactic arbeitet mit seinem "Space Ship Two" seit Jahren an einem ähnlichen Geschäftsmodell.

Visionär und Pragmatiker

Seit 2015 ist "New Shepard" schon fünfmal gestartet und wieder gelandet - ohne Menschen an Bord, wie gesagt. Nun hat Bezos aber die Kapsel für die zukünftigen Passagiere vorgestellt, mit bequemen Leder-Liegesitzen und großen Fenster für Erinnerungsfotos. Bemannte Testflüge soll es 2018 geben - zunächst mit Blue-Origin-Piloten, aber womöglich bereits schon im selben Jahr mit zahlender Kundschaft.

Wann genau diese sich auf die Reise machen kann, was die Tickets kosten sollen - dazu macht die Firma noch keine Angaben. "Wenn wir soweit sind", werde man das angehen, so Bezos. Vorher gebe es Wichtigeres zu tun: "Wir werden es so sicher machen, wie wir können."

Die Kommunikationsstrategie des Firmenchefs unterscheidet sich fundamental von der seines Kontrahenten Musk. Der SpaceX-Chef stellt gern Visionen vor, von Flügen rund um den Mond, womöglich schon im kommenden Jahr, und zum Mars, irgendwann um 2025. Es scheint ihm vor allem um die Ankündigungen zu gehen, darum, im Gespräch zu bleiben. Wenn Deadlines später nicht gehalten werden - wen interessiert's? Bezos dagegen bleibt normalerweise still - und präsentiert statt schicken Plänen lieber greifbare Erfolgsmeldungen, wenn er denn welche hat.

"Unser Engineering-Ansatz ist ein bisschen unterschiedlich", sagt Bezos über Musk. "Aber wir denken sehr ähnlich." Astronaut Walter sieht das ein bisschen anders: "Musk ist ein Visionär, der zum Mars will. Bezos ist ein Pragmatiker, dem es darum geht, mit einem einfachen Zugang zum All gutes Geld zu verdienen." Beide zusammen würden das Weltraumgeschäft aber gehörig durcheinanderwirbeln: "Wenn es zwei private Anbieter gibt, werden die Preise weiter fallen."

insgesamt 2 Beiträge
sozialismusfürreiche 06.04.2017
1. wenn Bezos das schafft
Wenn Bezos das schafft dann wird er bald 10x so reich sein wie der Nächstreiche und dann wird er derjenige Konzernchef sein der in den ganzen Science Fictionbüchern beschrieben wird, der schamlos die Asteroiden usw. nach [...]
Wenn Bezos das schafft dann wird er bald 10x so reich sein wie der Nächstreiche und dann wird er derjenige Konzernchef sein der in den ganzen Science Fictionbüchern beschrieben wird, der schamlos die Asteroiden usw. nach Rohstoffen ausbeuten will um zig Trillionen Dollar zu scheffeln.
Chinainteressierter 06.04.2017
2. Bezos braucht ganz sicher kein Geld
Sowohl Musk als auch Bezos sind beides Idealisten. Der Unterschied: für Bezos ist es eher ein Hobby, für Musk eine Obsession. Bezos gilt als hardcore - Star Trek Fan und hat ua. in einer Gastrolle im letzten Kinofilm [...]
Sowohl Musk als auch Bezos sind beides Idealisten. Der Unterschied: für Bezos ist es eher ein Hobby, für Musk eine Obsession. Bezos gilt als hardcore - Star Trek Fan und hat ua. in einer Gastrolle im letzten Kinofilm mitgespielt.

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