Schrift:
Ansicht Home:
Wissenschaft

42.000 Satelliten geplant

Darf Elon Musk den Nachthimmel verschandeln?

Auch den letzten Winkel der Erde mit Internet zu versorgen - das plant unter anderem der US-Konzern SpaceX. Die Firma von Elon Musk will die Zahl der dafür geplanten Satelliten nun massiv aufstocken. Astronomen sind genervt.

John Raoux/ AP/ DPA

Eine Falcon 9 von SpaceX hat im Frühjahr die ersten 60 Satelliten für die Starlink-Konstellation ins All gebracht

Von
Mittwoch, 16.10.2019   19:59 Uhr

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Als Radioastronom befasst sich Heino Falcke mit den fürs Auge unsichtbaren Phänomenen des Universums. Er ist einer der entscheidenden Köpfe hinter dem ersten Bild eines Schwarzen Lochs, das Forscher eines weltweiten Teleskopverbunds im Frühjahr präsentieren konnten. (Sehen Sie hier ein ausführliches Video zum Thema.) Radiowellen haben eine viel größere Wellenlänge als sichtbares Licht, intergalaktische Staub- und Nebelwolken machen ihnen auf ihrem Weg durchs All nichts aus.

Weil Falcke also nicht im Bereich des sichtbaren Lichts beobachtet, könnte er eine Entwicklung ganz entspannt sehen, die den Nachthimmel über unseren Köpfen für immer verändern wird: Mehrere Konzerne wollen zahllose Satelliten ins All schießen, die einen weltweiten Zugang zum Internet ermöglichen sollen. Mindestens ein Teil von ihnen dürften als neue, künstliche Sterne über das Firmament ziehen.

Für besonders viel Aufsehen sorgt derzeit das US-Unternehmen SpaceX von Elon Musk mit seiner Starlink-Konstellation - auch, weil die Firma offenbar noch deutlich mehr Satelliten ins All bringen will als bisher bekannt.

Und zwar 30.000 zusätzliche Satelliten.

Rechnet man die bereits angekündigten hinzu, käme SpaceX damit sogar auf mehr als 40.000. Das wären fünf Mal so viele Raumfahrzeuge wie die Menschheit bisher insgesamt ins All geschossen hat. Aktuell in Betrieb sind nach einer Statistik der Union of Concerned Scientists genau 2062 Satelliten.

"Das geht einfach zu weit", beklagt sich Astronom Falcke im Gespräch mit dem SPIEGEL. Es gehe ihm dabei allerdings weniger um die wissenschaftlichen als um die ästhetischen Folgen des SpaceX-Großprojekts. "Durch Lichtverschmutzung sehen wir den Himmel schon in den Städten nicht mehr. Dann möchte ich ihn wenigstens noch in der freien Natur bewundern." Doch das machten die Mega-Konstellationen unmöglich. Neben SpaceX haben auch andere Unternehmen wie OneWeb oder Amazon eigene Satellitenflotten fürs Internet aus dem All in Vorbereitung.

Um die Dimension des Problems zu verstehen, macht Falcke eine Rechnung auf: Der gesamte Himmel, so erklärt er, lasse sich in 40.000 kleine Flächen unterteilen, jede ein sogenanntes Quadratgrad groß. In solch ein Quadratgrad passe der Mond vier Mal hinein. Bei allein mehr als 40.000 SpaceX-Satelliten wäre also in jedem dieser kleinen Himmelsbereiche ein potentieller neuer Stern unterwegs.

Längst nicht alle der Satelliten werden zu allen Zeiten am Himmel sichtbar sein. Trotzdem zur Einordnung: In einer Sommernacht sind aktuell etwa 450 Sterne am Himmel zu bestaunen. Selbst wenn nur ein winziger Bruchteil der Starlink-Satelliten das Sonnenlicht reflektiert, würde sich das nächtliche Bild über unseren Köpfen grundlegend verändern.

Das könnte Sie auch interessieren

Die Internationale Astronomische Union hat sich in einem Statement "besorgt" über die geplanten Mega-Konstellationen gezeigt. Und das war vor den neuen Plänen von SpaceX. "Amateurastronomen sind stärker betroffen als die Profis", sagt Carolin Liefke von der Vereinigung der Sternenfreunde nach der neuen Ankündigung. Wer Fotos vom Himmel mache, riskiere, dass diese nur noch von den Streifen der Satelliten verschandelt seien. Es gebe Software, um die Spuren zu entfernen - das erhöhe aber wieder den Aufwand bei der Beobachtung.

Beinahe-Kollision im September

Etwa ein Zehntel der 60 im Mai von SpaceX gestarteten Internetsatelliten habe sich im All als nicht steuerbar erwiesen, beklagt Liefke. Von diesen taumelnden Exemplaren ginge die größte Störung für die Himmelsbeobachter aus. Außerdem drohe bei Kollisionen mit anderen Flugkörpern neuer Weltraumschrott. Tatsächlich hatte Anfang September nur ein eiliges Korrekturmanöver im Europäischen Satellitenkontrollzentrum in Darmstadt dafür gesorgt, dass es nicht zum Zusammenstoß zwischen einem Starlink-Satelliten und dem Esa-Observatorium "Aeolus" kam.

Dass Elon Musk allerdings in absehbarer Zeit überhaupt die 40.000 Satelliten starten kann, zieht Liefke in Zweifel: "Ich halte das auch für eine Marketingstrategie." SpaceX wolle nicht zuletzt Umlaufbahnen und Sendefrequenzen reservieren, "um damit letztlich auch die Konkurrenz einzuschränken".

SpaceX hat den Start der zusätzlichen Satelliten bei der zuständigen US-Behörde, der Federal Communications Commission (FCC) beantragt. Und die wiederum hat am 7. Oktober die Unterlagen an die Internationale Fernmeldeunion (ITU) weitergeleitet, eine Uno-Behörde, die sich auf internationaler Ebene darum kümmert, dass sich Satelliten nicht gegenseitig stören.

Innerhalb von sieben Jahren ins All

Konkret hat die FCC laut "Space News" 20 Pakete von je 1500 SpaceX-Satelliten am Genfer Hauptsitz der ITU angemeldet, die sich in Orbits zwischen 328 und 580 Kilometern Höhe um die Erde bewegen sollen und auf verschiedenen Frequenzen funken. Wann die Satelliten gestartet werden sollen, steht in den Unterlagen nicht.

Die Anmeldung ist ein normaler Teil im Weltraumgeschäft. Nach den aktuellen Regeln der ITU muss ein Betreiber innerhalb von sieben Jahren zumindest einen Satelliten ins All bringen, für den er eine bestimmte Frequenz beantragt hat. Dann darf diese niemand anders nutzen. Einmal im Orbit muss die Technik allerdings für mindestens 90 Tage funktionieren, sonst verfällt die Registrierung bei der Behörde. Die Regeln sollen bald verschärft werden - auch im Hinblick auf die geplanten Internet-Satellitenkonstellationen.

Aus Sicht von SpaceX gibt es einen einfachen Grund, die Zahl der geplanten Internetsatelliten so drastisch zu erhöhen. Ein Firmensprecher erklärte, die Kunden bräuchten einfach mehr Netzwerkkapazität und Datendichte für ein verlässliches Internet rund um die Welt. "Vor allem für diejenigen, wo es keine Konnektivität gibt, wo sie zu teuer oder unzuverlässig ist." Denn klar ist: Während ein geplanter Transportservice der Firma zu Mond und Mars sich erst als profitabel erweisen muss, lässt sich im Internetgeschäft langfristig womöglich viel Geld verdienen.


Zusammengefasst: SpaceX will seine geplante Konstellation von Internetsatelliten deutlich aufstocken. Statt 12.000 Satelliten will das Unternehmen von Elon Musk nun 42.000 starten. Entsprechende Unterlagen hat die zuständige US-Behörde bei den Vereinten Nationen eingereicht. Aktuell haben alle Staaten der Welt zusammen gut 2000 aktive Satelliten im All. Astronomen sehen die Pläne von SpaceX kritisch. Sie fürchten, dass das Bild des Nachthimmels zu stark verändert wird. Außerdem planen auch andere Firmen große Satellitenflotten zur weltweiten Internetversorgung.

insgesamt 112 Beiträge
bebau 16.10.2019
1. Weltraumschrott
Noch schlimmer ist der Weltraumschrott. Wenn die Dinger in tausend Einzelteile zerfallen, sind sie extrem gefährlich für alle anderen Satelliten und natürlich auch für die bemannte Raumfahrt. Langfristig besteht die Gefahr, [...]
Noch schlimmer ist der Weltraumschrott. Wenn die Dinger in tausend Einzelteile zerfallen, sind sie extrem gefährlich für alle anderen Satelliten und natürlich auch für die bemannte Raumfahrt. Langfristig besteht die Gefahr, dass Satelliten schon kurz nach ihrem Start von anderen Teilen zertrümmert werden. Schließlich fliegen die mit dem zehnfachen von normalen Gewehrkugeln. Ich sehe die Gefahr, dass nach der Umsetzung von Elon Musks Ideen überhaupt niemand mehr einen Satelliten betreiben kann. Man müsste mal langsam anfangen, für alle Satelliten Deorbiting-Systeme vorzuschreiben. Beispielsweise eine kleine Feststoffrakete reicht schon aus, um einen Satelliten im niedrigen Orbit in die Atmosphäre zu steuern.
Ogim 16.10.2019
2. Gibt es auch Vorteile?
Also ich sehe mehr Vorteile als Nachteile in diesem System: ein satellitengestütztes Breitband-Internet System ermöglicht es auch Regionen zu erschließen die in absehbarer Zeit keinen Internet Zugang bekommen würden. Dazu [...]
Also ich sehe mehr Vorteile als Nachteile in diesem System: ein satellitengestütztes Breitband-Internet System ermöglicht es auch Regionen zu erschließen die in absehbarer Zeit keinen Internet Zugang bekommen würden. Dazu zähle ich auch Regionen in Deutschland. Ein Satellitengestütztes internet könnte von keinem Diktator abgeschaltet werden. Die Demonstranten in Hongkong wären froh wenn sie so etwas hätten.
marc.koch 16.10.2019
3. Irgendwann werden Astronauten nicht mehr
fliegen wollen, weil das Kollisionsrisiko mit solchen Satellitenflotten zu groß wird. Nette Überlegung für Philosophen zur Einschätzung der Überlebensfähigkeit einer Planetenbevölkerung: Wird es einer Bevölkerung je [...]
fliegen wollen, weil das Kollisionsrisiko mit solchen Satellitenflotten zu groß wird. Nette Überlegung für Philosophen zur Einschätzung der Überlebensfähigkeit einer Planetenbevölkerung: Wird es einer Bevölkerung je gelingen ihren Eigennutz soweit zurückzunehmen, daß sie sich nicht selbst blockiert?
Hank the voice 16.10.2019
4. Auch wenn das Internet eine schöne Sache ist, die Sterne sind schöner!
Darf Elon Musk den Nachthimmel verschandeln? Nein darf er nicht!! Elon Musk wird die Sateliten bestimmt nicht vorschriftsmäßig entsorgen. (Sheldon Cooper) 42.000 Satelliten werden uns die 1. Aussicht auf die Sterne versperren [...]
Darf Elon Musk den Nachthimmel verschandeln? Nein darf er nicht!! Elon Musk wird die Sateliten bestimmt nicht vorschriftsmäßig entsorgen. (Sheldon Cooper) 42.000 Satelliten werden uns die 1. Aussicht auf die Sterne versperren 2. die ISS und weitere Weltraummissionen gefährden 3. uns auf den Kopf fallen, (schon der Gallier Häuptling Majestix hatte Angst davor, dass Ihm der Himmel auf den Kopf fällt - er war ein wirklich sehr weiser Mann) - Auch wenn das Internet eine schöne Sache ist, die Sterne sind viel viel schöner!
ctrader62 16.10.2019
5. Verschrottung gesichert ?
Der gesamte Weltraum um die Erde herum kann durch ein paar Kollisionen, die sich dann exponentiell fortsetzen können, für Jahrzehnte unbenutzbar werden. Von daher wäre die sichere Steuerbarkeit und sichere Entsorgung durch [...]
Der gesamte Weltraum um die Erde herum kann durch ein paar Kollisionen, die sich dann exponentiell fortsetzen können, für Jahrzehnte unbenutzbar werden. Von daher wäre die sichere Steuerbarkeit und sichere Entsorgung durch Verglühen sicher zu stellen. Ansonsten hat es sich mit den Satelliten bald erledigt.

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP