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Wissenschaft

Weltraum-Initiative

"Bush muss vom anderen Planeten sein"

Von bemannten Flügen zum Mond und zum Mars ist das amerikanische Volk weniger begeistert als sein Präsident. Bei einer Umfrage forderte die Mehrheit, das Geld lieber für Bildung und Gesundheit auszugeben. Selbst die eigene Partei rebelliert gegen Bushs Weltraum-Träume.

Dienstag, 13.01.2004   15:31 Uhr

George W. Bush will es seinem Vater, aber mehr noch seinem legendären Amtsvorgänger John F. Kennedy gleichtun: Kühne Pläne für eine permanente Siedlung auf dem Mond und einen bemannten Flug zum Mars sollen das Volk inspirieren - und dem Präsidenten im Wahljahr 2004 die nötigen Stimmen verschaffen.

Kurz vor der für den morgigen Mittwoch geplanten Rede, in der Bush US-Medienberichten zufolge seine Pläne verkünden will, hat sich das amerikanische Volk wenig wohlwollend über die Weltraum-Initiative geäußert. Bei einer Erhebung der Nachrichtenagentur AP gaben 55 Prozent der Befragten an, das erforderliche Geld solle besser ins Bildungs- oder Gesundheitssystem gesteckt werden. Laut bisherigen Berechnungen für eine Marsmission würde das Projekt mehrere hundert Milliarden bis zu einer Billion Dollar verschlingen.

Spott und Häme von der Opposition

Unter den Demokraten lag die Ablehnung gegen die Bush-Pläne bei zwei zu eins. Die meiste Zustimmung kam von jungen Männern und Personen mit höherem Einkommen. Auf die Frage, ob anstelle von Astronauten weiterhin Roboter zum Mars geschickt werden sollten, antworteten 57 Prozent mit Ja und 38 mit Nein.

Auch unter politischen Beobachtern fand Bush mit seinen hochfliegenden Plänen wenig Gnade. Viele sehen darin einen Versuch, von heimischen und internationalen Problemen abzulenken. "Man kann einen Krieg führen, Steuern senken und trotz einer angeschlagenen Wirtschaft Milliarden für die Raumfahrt verschleudern", sagte Dallas Hodgins, ein emeritierter Professor der Michigan University. "Aber wie soll das alles bezahlt werden? Das ist moralisch nicht zu rechtfertigen."

Die Opposition nutzte die offene Finanzierungsfrage angesichts eines Rekorddefizits im US-Haushalt und geplanter Steuersenkungen für triefenden Spott. "Bush muss von einem anderen Planeten sein", meinte der demokratische Präsidentschaftsbewerber Senator Joe Lieberman. Thomas Kahn, Demokrat im Haushaltsausschuss des Repräsentantenhauses, warf der Regierung vor: "Sie wollen rote Zahlen auf den Roten Planeten schicken."

Republikaner wollen Bush auf die Erde zurückholen

Kritik muss sich Bush sogar aus dem eigenen Lager gefallen lassen. "Alle Entscheidungen über die Zukunft der bemannten Raumfahrt müssen im Rahmen der Realitäten des Haushalts getroffen werden", mahnte der republikanische Abgeordnete Sherwood Boehlert, Vorsitzender des Forschungsausschusses.

Stephen Moore von der konservativen Lobby-Gruppe "Club for Growth" erklärte: "Angesichts des gigantischen Haushaltsdefizits müssen wird darüber nachdenken, ob das wirklich unsere Prioritäten sind." Zudem ist derzeit fraglich, ob Bushs Vorschläge im Kongress eine Mehrheit finden.

Bushs Initiative ist im Kern auch nicht neu. Tatsächlich greift er Vorschläge seines Vaters George Bush auf, der als Präsident 1989 eine Mondstation und eine bemannte Mars-Mission bis 2019, dem 50. Jahrestag der ersten Mondlandung, vorgeschlagen hatte. Allerdings wurden die Pläne nach einem Kostenvoranschlag der Nasa über 400 Milliarden Dollar schnell wieder eingestampft.

Der Politikwissenschaftler Thomas Mann von der Brookings Institution stuft Bushs Vorschläge deshalb als reine Augenwischerei im Wahlkampf ein. "Es geht nur darum, die politische Diskussion zu beherrschen, sich als tatkräftiger Präsident zu präsentieren", sagt Mann. "Er hofft, einen politischen Vorteil zu erzielen, nur indem er etwas vorschlägt."

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